Pressemitteilung: 12.502-093/21

2,7% der österreichischen Bevölkerung waren 2020 erheblich materiell benachteiligt;  
mit COVID-19-Pandemie stiegen finanzielle Sorgen

Wien, 2021-04-29 – Im Jahr 2020 waren laut Statistik Austria 233.000 Personen oder 2,7% der Bevölkerung in Österreich erheblich materiell benachteiligt, da sie sich mehrere grundlegende Ausgaben zur Sicherung des Mindestlebensstandards nach EU-Definition nicht leisten konnten. Seit dem Beginn der Zeitreihe im Jahr 2008 hat sich dieser Armutsindikator damit von 5,9% um mehr als die Hälfte auf 2,7% verringert. Auswirkungen der COVID-19-Pandemie sind dabei in der im 1. Halbjahr 2020 erhobenen Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen (European Union Statistics on Income and Living Conditions, EU-SILC) allerdings noch nicht enthalten.

"Im Jahr 2020 konnten sich 233.000 Menschen oder 2,7% der Bevölkerung verschiedentlich Ausgaben zur Sicherung des EU-Mindestlebensstandards nicht leisten. Damit hat die Zahl erheblich materiell benachteiligter Menschen in Österreich in den letzten zwölf Jahren um 252.000 abgenommen. Mit der COVID-19-Pandemie haben die finanziellen Sorgen allerdings deutlich zugenommen", erklärt Statistik-Austria-Generaldirektor Tobias Thomas.

Weitere Armuts- und Ausgrenzungsindikatoren im Vergleich zu den Vorjahren stabil oder sinkend

Neben dem absoluten Armutsmaß der erheblichen materiellen Benachteiligung hatten 13,9% der österreichischen Bevölkerung oder 1.222.000 Personen ein relativ zum mittleren Einkommen gesehen niedriges Haushaltseinkommen (weniger als 60% des Medianeinkommens) und galten daher als armutsgefährdet. Damit hat sich dieser Indikator im Vergleich zum Jahr 2008 von 15,2% um 1,3 Prozentpunkte geringfügig verringert. Als relatives Maß sagt dieser Indikator allerdings nichts drüber aus, ob oder wie gut ein Haushalt mit seinem Einkommen auskommt. Auch bedingt die relative Definition, dass bei einem Anstieg des Medianeinkommens mehr Haushalte als armutsgefährdet gelten, selbst wenn sich ihr verfügbares Einkommen nicht geändert hat.

Zudem wurde von 7,1% der unter 60-Jährigen bzw. bei 465.000 Personen nur eine geringe Erwerbsintensität erreicht, was bedeutet, dass weniger als 20% des vorhandenen Erwerbspotenzials in ihren Haushalten genutzt wurde. Im Vergleich zum Jahr 2008 mit 7,4% ist dieser Indikator weitgehend unverändert.

Österreich beim EU-Indikator der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung deutlich unter EU-Schnitt

Eine Kombination der drei oben genannten Indikatoren wird unter dem Begriff "Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung" als zentrale Messgröße der Sozialstatistik in der EU geführt und spielt auch im Rahmen der Nachhaltigkeitsziele 2030 der Vereinten Nationen eine wichtige Rolle. Demnach gelten jene Haushalte als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, die entweder erheblich materiell benachteiligt sind oder weniger als 60% des mittleren Einkommens zur Verfügung haben oder nur geringfügig am Erwerbsleben teilhaben. Für das Jahr 2020 traf das in Österreich auf 17,5% der Bevölkerung oder 1.529.000 Personen zu. Diese Merkmale können auch in Kombination auftreten, daher ist die Zahl der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten geringer als die Summe der drei Einzelindikatoren (siehe Tabelle 1). Im Vergleich zum Jahr 2008 ist die Quote der sogenannten Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung von 20,6% um 3,1 Prozentpunkte zurückgegangen. Österreich liegt auch seit Beginn dieser Zeitreihe hinsichtlich Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung deutlich unter dem EU-Durchschnitt (EU-28 2019: 21,4%; Österreich 2019 16,9% bzw. 2020 17,5%). Zahlen der EU für das Jahr 2020 werden voraussichtlich im Herbst 2021 vorliegen.

Auswirkungen der COVID-19-Pandemie in Armutsindikatoren noch nicht enthalten; erste Aussagen zur Lebenssituation zu Beginn der Krise zeigen pessimistischere Sicht

EU-SILC 2020 hat die Lebenssituation der Bevölkerung von März bis Juli 2020 erhoben und bildet damit im Wesentlichen die Phase rund um den ersten Lockdown in Österreich ab. Daten über das Haushaltseinkommen sowie die Erwerbsintensität beziehen sich gemäß Definition der EU-Indikatoren jedoch auf das Jahr 2019. Daher sind die Auswirkungen der COVID-19-Krise auf die genannten Armuts- und Ausgrenzungsindikatoren derzeit nicht statistisch quantifizierbar. Die Daten geben jedoch bereits Einblicke in die Lebenssituation der Befragten zu Beginn der Krise.

So zeigen die erwarteten Einkommensveränderungen bezogen auf die nächsten zwölf Monate eine pessimistischere Sicht als in den EU-SILC-Erhebungen der Jahre 2018 und 2019. Nur 9% bzw. 8% der Bevölkerung rechneten damals mit einer Verschlechterung; 2020 glaubten hingegen 15%, dass sich ihre finanzielle Situation innerhalb des nächsten Jahres verschlechtern werde (siehe Tabelle 2). Diese Einschätzung ist dabei unter Armuts- oder Ausgrenzungefährdeten (13%) etwa gleich häufig vertreten wie unter Personen, die nicht zur Armutsrisikogruppe zählen (15%). Zudem sagten insgesamt 21% in EU-SILC 2020, dass ihr Haushaltseinkommen während der letzten zwölf Monate weniger geworden sei. Innerhalb der Armutsrisikogruppe berichteten 30% von einem verringerten Haushaltseinkommen, gegenüber 19% der Nicht-Armutsbetroffenen. Als Grund für die Einkommensreduktion wurde 2020 in 21% der Fälle ein Jobverlust oder Konkurs des eigenen Unternehmens genannt.

Neben finanziellen Problemen zeigen sich auch andere Lebensumstände der Armutsrisikogruppen, die in der Krise nachteilig sein können (siehe Tabelle 3): Sie haben zu 18% überbelegte Wohnungen (vs. 4% der Nicht-Armutsrisikogruppe), und die Ausstattung mit PC (71%) sowie Internet (84%) ist in Haushalten der Armutsrisikogruppe nicht so verbreitet wie in jenen der Nicht-Armutsrisikogruppe (91% haben einen PC und 94% Internet). Auch gesundheitliche Probleme kommen bei der Armutsrisikogruppe häufiger vor: Sie sind öfter chronisch krank als Nicht-Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdete (42% vs. 28%) oder haben einen (sehr) schlechten allgemeinen Gesundheitszustand (15% vs. 3%, jeweils bezogen auf die 18- bis 64-Jährigen).

Detaillierte Ergebnisse bzw. weitere Informationen zum Thema finden Sie auf unserer Webseite sowie in den FAQs zum Thema Armut und soziale Eingliederung (PDF, ca. 350 KB).

 

Informationen zur Methodik, Definitionen:  
EU-SILC: EU-Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen (European Union Statistics on Income and Living Conditions). EU-SILC sammelt seit 2003 jährlich Informationen über die Lebensbedingungen der Menschen in Privathaushalten in der Europäischen Union. Für Österreich führt Statistik Austria dieses Projekt durch, bei dem pro Jahr rund 6.000 österreichische Haushalte befragt werden. 
 
Absolute Armut entsprechend europäischem Mindestlebensstandard: Erhebliche materielle Deprivation wird bei Zustimmung zu mindestens vier von neun Aussagen über die Leistbarkeit von Gütern/Bedürfnissen für den Haushalt festgelegt. Der Haushalt kann sich Folgendes nicht leisten:  
- regelmäßige Zahlungen in den letzten zwölf Monaten rechtzeitig zu begleichen (Miete, Betriebskosten, Kreditrückzahlungen, Wohnnebenkosten, Gebühren für Wasser, Müllabfuhr und Kanal, sonstige Rückzahlungsverpflichtungen); 
- unerwartete Ausgaben bis zu 1.260 Euro zu finanzieren; 
- die Wohnung angemessen warm zu halten; 
- jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch (oder entsprechende vegetarische Speisen) zu essen; 
- einmal im Jahr eine Woche auf Urlaub zu fahren; 
- einen Pkw; 
- eine Waschmaschine; 
- ein Fernsehgerät; 
- ein Festnetztelefon oder Handy. 
 
Armutsgefährdung meint ein im Verhältnis zur Mitte der Bevölkerung geringes Haushaltseinkommen:
Als armutsgefährdet gelten in der EU jene Haushalte, deren äquivalisiertes (=bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-) Nettohaushaltseinkommen unter 60% des Medians aller äquivalisierten Nettohaushaltseinkommen des Landes liegt. Das war in Österreich laut EU-SILC 2020 ein Betrag von 1.328 Euro pro Monat für Alleinlebende, plus 664 Euro pro Monat für jeden weiteren Erwachsenen im Haushalt und 398 Euro pro Monat für jedes Kind unter 14 Jahren. 
 
Personen in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität: Ein Haushalt mit geringer Erwerbsintensität schöpfte im Vorjahr weniger als 20% seines Erwerbspotenzials aus – berechnet auf Grundlage aller 18- bis 59-jährigen Personen im Haushalt (ohne Studierende). 
 
Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung = materielle Deprivation ODER Armutsgefährdung ODER geringe Erwerbsbeteiligung: Die soziale Eingliederung soll in der Europäischen Union insbesondere durch Verminderung von Armut gefördert werden. Die Zielgruppe umfasst Personen, auf die mindestens eines der drei folgenden Kriterien zutrifft: erhebliche materielle Deprivation oder Armutsgefährdung oder keine/sehr niedrige Erwerbsintensität im Haushalt. Dieser Indikator wurde auch für das Sozialziel im Rahmen der Europa 2020-Strategie herangezogen. Aktuell werden Nachfolgepläne der Europa 2020-Strategie in der Europäischen Säule sozialer Rechte durch die Europäische Kommission für den Zeitraum bis 2030 festgelegt. Auch darin wird die Reduzierung der Gruppe der von Armut betroffenen Personen als wichtiges Ziel verfolgt. 
 
Hinweise zur COVID-19-Krise: Es werden hier Daten aus der Erhebung EU-SILC 2020 dargestellt: Die Befragung fand von März bis Juli 2020 statt, Indikatoren zur Deprivation beziehen sich mehrheitlich auf den Befragungszeitpunkt. Einkommen (für den Indikator Armutsgefährdung relevant) sowie die Erwerbsintensität beziehen sich jedoch nach Eurostat Vorgabe jeweils auf das der Erhebung vorangehende Kalenderjahr, in diesem Fall das Jahr 2019, und stammen mehrheitlich aus Verwaltungsdaten. Auswirkungen der COVID-19-Krise auf Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung sind daher derzeit nicht statistisch quantifizierbar.

 

Tabelle 1: Teilgruppen der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung in Österreich 2008, 2019 und 2020
Soziale Eingliederungsindikatoren20081)20192020
in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %
Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung (in mind. 1 von 3 Bereichen)1.69920,61.47216,91.52917,5
Erhebliche materielle Deprivation4855,92232,62332,7
Armutsgefährdung1.25215,21.16113,31.22213,9
Haushalte mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität2)4757,45077,84657,1
Tabelle 2: Subjektive Indikatoren zur finanziellen Lage nach Armuts- oder Ausgrenzungsrisiko
in %Armuts- oder AusgrenzungsrisikoKein Armuts- oder Ausgrenzungsrisiko
Einschätzung der Entwicklung der finanziellen Situation in den kommenden 12 Monaten  
Wird sich verschlechtern1315
Entwicklung der finanziellen Situation in Bezug auf das eigene Haushaltseinkommen in den vergangenen 12 Monaten  
Ist weniger geworden3019
Tabelle 3: Ausgewählte Lebensbedingungen nach Armuts- oder Ausgrenzungsrisiko
in %Armuts- oder AusgrenzungsrisikoKein Armuts- oder Ausgrenzungsrisiko
Überbelag der Wohnung1)184
Ein PC ist im Haushalt vorhanden7191
Internet ist im Haushalt vorhanden8494
Vorliegen einer chronischen Krankheit2)4228
Gesundheitszustand wird als schlecht oder sehr schlecht eingeschätzt2)153

Rückfragen zum Thema beantworten in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria:  
Mag. Nadja LAMEI, Tel.: +43 1 71128-7336 bzw. nadja.lamei@statistik.gv.at und  
Mag. Richard HEUBERGER, Tel.: +43 1 71128-8285 bzw. richard.heuberger@statistik.gv.at

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