Pressemitteilung: 12.457-048/21

Internationaler Frauentag 2021: Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern trotz Rückgang deutlich über dem EU-Schnitt

Wien, 2021-03-03 – Frauen verdienten 2019 in der Privatwirtschaft brutto pro Stunde um 19,9% weniger als Männer. Damit hat sich der Gender Pay Gap in Österreich seit 2009 um 4,4 Prozentpunkte verringert. Im EU-Vergleich liegt Österreich aber weiterhin deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 14,1% (EU-27: 2019). Analysen von Statistik Austria zeigen, dass Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt einen Teil des Lohnunterschiedes erklären.

"Trotz des spürbaren Rückgangs in den letzten zehn Jahren ist der Gender Pay Gap in Österreich nach wie vor sehr hoch. Im EU-Vergleich waren 2019 nur in Lettland und Estland die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern noch größer. Wichtige Einflussfaktoren auf die Lohnlücke sind unter anderem die Branchenwahl, Teilzeitbeschäftigung und die Dauer der Zugehörigkeit im Unternehmen, wobei vor allem bei Frauen die Teilzeit wiederum vom Faktor Elternschaft beeinflusst wird", so Statistik-Austria-Generaldirektor Tobias Thomas.

Teil der Lohndifferenz kann durch Unterschiede am Arbeitsmarkt erklärt werden

Um den Einfluss unterschiedlicher Faktoren auf den Gender Pay Gap zu untersuchen, hat Statistik Austria die Daten aus dem Jahr 2018 genauer analysiert. Frauen verdienten 2018 mit durchschnittlich 15,15 Euro um 20,4% weniger als Männer mit 19,03 Euro brutto pro Stunde. Berücksichtigt man Merkmale wie Branche, Beruf, Ausbildung, Alter, Dauer der Unternehmenszugehörigkeit, Vollzeit/Teilzeit, Art des Arbeitsvertrags, Region und Unternehmensgröße, dann reduziert sich der geschlechtsspezifische Lohnunterschied auf 14,0%.

Insgesamt können durch die im Modell berücksichtigten Faktoren 6,4 Prozentpunkte des Gender Pay Gap erklärt werden, dagegen bleiben 14,0 Prozentpunkte unerklärt. Zu den wichtigsten berücksichtigten Faktoren zählt die Branche (2,9 Prozentpunkte), da Frauen öfter in Branchen mit geringeren Verdienstmöglichkeiten arbeiten als Männer. Einen deutlichen Einfluss hat auch das Ausmaß der Beschäftigung (2,6 Prozentpunkte), da Teilzeitbeschäftigte auch pro Stunde geringer entlohnt werden. Unterschiede in der Dauer der Zugehörigkeit zum Unternehmen (1,7 Prozentpunkte) sind ebenfalls relevant, so arbeiten Frauen rund sieben und Männer neun Jahre im selben Unternehmen. Der Faktor Beruf hat an Bedeutung verloren, erklärt aber immer noch 1,6 Prozentpunkte des Gender Pay Gap. Ginge es dagegen rein nach der formalen Ausbildung, dann müssten Frauen bereits mehr als Männer verdienen (1,2 Prozentpunkte).

Im Modell werden geschlechtsspezifische Ungleichheiten bezüglich der genannten Faktoren bewusst herausgerechnet. Real bleiben die Unterschiede und damit auch das Lohngefälle aber bestehen.

Frauen sind weniger oft in Führungspositionen

2019 übten insgesamt 3,8% der unselbständig erwerbstätigen Frauen, aber 8,1% der Männer eine führende Tätigkeit aus. Selbst bei gleichen Bildungsabschlüssen waren Frauen stärker in mittleren Positionen vertreten als Männer, während Männer häufiger in Führungspositionen aufstiegen. Mit einem BHS-Abschluss arbeiteten beispielsweise bedeutend mehr Frauen (54,1%) als Männer (30,6%) in mittleren Tätigkeiten, während umgekehrt mehr Männer (37,9%) als Frauen (25,5%) höhere und hochqualifizierte Tätigkeiten verrichteten. Hinsichtlich der Besetzung von Führungspositionen war der Unterschied vor allem bei Personen mit Universitätsabschluss markant: 8,6% der Frauen und 18,9% der Männer mit Fachhochschul- oder Universitätsabschluss waren in Führungspositionen tätig. Gleichzeitig lag in der Bevölkerung im Alter von 25 bis 64 Jahren der Anteil der Frauen mit dem Abschluss einer Hochschule oder Akademie mit 19,9% über jenem der Männer mit 16,3%.

Nach Branchen arbeiteten 17,5% der unselbständig erwerbstätigen Frauen im Handel und 17,9% im Gesundheits- und Sozialwesen. Männer waren dagegen am häufigsten in der Herstellung von Waren (24,5%), im Bau (14,0%) und im Handel (12,4%) beschäftigt. In der von der Covid-19-Krise besonders stark betroffenen Beherbergung und Gastronomie waren 7,9% der Frauen und 4,2% der Männer tätig.

Frauen waren auch wesentlich häufiger als Männer teilzeitbeschäftigt. Die Teilzeitquote der erwerbstätigen Frauen stieg von 43,1% (2009) auf 47,7% (2019). Bei den Männern zeigt sich ebenfalls ein Anstieg, Teilzeit ist mit 10,7% (2019) aber nach wie vor von vergleichsweise geringer Bedeutung (2009: 8,8%). Vor allem für Frauen mit Kindern unter 15 Jahren ist Teilzeitbeschäftigung die dominierende Form der Erwerbsarbeit. Im Vergleich lag die Teilzeitquote der 25- bis 49-jährigen Frauen mit Kindern unter 15 Jahren bei 74,3% (Männer 5,6%).

Frauen und Männer von der Covid-19-Krise unterschiedlich betroffen

Bezogen auf die Covid-19-Krise zeigen die Daten zum ersten Lockdown, dass Männer zunächst stärker von der Krise betroffen waren als Frauen. Die Erwerbstätigenquote der Frauen ist im 2. Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahresquartal um 1,8 Prozentpunkte auf 67,0%, jene der Männer um 2,9 Prozentpunkte auf 75,1% gesunken.

Frauen gelang jedoch weniger rasch ein Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Insgesamt haben bis Ende Juni 2020 52,1% der Frauen und 62,1% der Männer, die in der zweiten Märzhälfte ihre Beschäftigung beendet hatten, wieder eine Erwerbstätigkeit aufgenommen.

Bezogen auf das gesamte Jahr 2020 ist die Zahl der Arbeitslosen laut AMS bei den Frauen (+37,8%) auch stärker gestiegen als bei den Männern (+34,4%). Nach nationaler Berechnung waren damit 2020 9,7% der Frauen (+2,6 Prozentpunkte) und 10,1% der Männer (+2,5 Prozentpunkte) arbeitslos.

Detaillierte Ergebnisse sowie weitere Informationen zur Gender-Statistik finden Sie auf unserer Webseite.

Informationen zur Methodik, Definitionen:  
Gender Pay Gap: Geschlechtsspezifischer Lohnunterschied (ohne Anpassungen) gemäß Eurostat bezogen auf die Differenz zwischen den durchschnittlichen (arithmetisches Mittel) Bruttostundenverdiensten von Frauen und Männern in Unternehmen mit zehn und mehr Beschäftigten in der Privatwirtschaft (ohne Land- und Forstwirtschaft; öffentliche Verwaltung). Durch die Verwendung der Stundenverdienste sind Unterschiede in der Arbeitszeit (Teilzeit) bereits berücksichtigt. Basis sind Unternehmensdaten, die in der gesamten Europäischen Union alle vier Jahre nach harmonisierten Standards erhoben werden. In Österreich leisteten für das Berichtsjahr 2018 rund 11.000 Unternehmen Angaben zu rund 200.000 unselbständig Beschäftigten. Die Werte für die Jahre zwischen den Erhebungen werden geschätzt.  
Zur Methodik: Die Analysen zum Gender Pay Gap basieren auf einer Oaxaca-Blinder-Dekomposition. Bei dieser Methode wird das Lohndifferenzial in einen erklärten und einen unerklärten Anteil zerlegt. Da die Wahl der Referenzgruppe (Frauen oder Männer) in der Regel zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führt, fließen im Modell (nach Reimers) die männliche und weibliche Lohnstruktur sowie die Effekte dieser Charakteristika auf den Lohn im selben Verhältnis in die Zerlegung der Lohndifferenz ein.

 

Tabelle 1: Geschlechtsspezifischer Lohnunterschied (Gender Pay Gap) in %
Jahre20092010201120122013201420152016201720182019
EU-271)-15,816,216,416,015,715,515,114,614,414,1
Österreich24,324,023,522,922,322,221,820,820,720,419,9
Tabelle 2: Dekomposition des Gender Pay Gap
FaktorenProzentpunkteAnteil in %
Wirtschaftstätigkeit (ÖNACE 2008)2,914,1
Berufsgruppen (ÖISCO-08)1,67,7
Höchste abgeschlossene Bildung-1,2-5,8
Alter / quadriert0,00,0
Dauer der Zugehörigkeit zum Unternehmen / quadriert + Interaktionseffekt1,78,3
Beschäftigungsausmaß (Voll-/Teilzeit)2,612,7
Art des Arbeitsvertrags-1,0-4,8
Unternehmensgröße-0,2-0,7
Region (Bundesland)0,00,0
Erklärter Anteil 6,431,6
Unerklärter Anteil 14,068,4
Gender Pay Gap insgesamt 20,4100,0
Tabelle 3: Bildungsniveau der Bevölkerung im Alter von 25 bis 64 Jahren in %
Höchste abgeschlossene AusbildungInsgesamtFrauenMänner
Hochschule und Akademie18,119,916,3
Mittlere und höhere Schule30,333,327,3
Lehre33,726,341,1
Pflichtschule17,920,515,2

 

Tabelle 4: Berufliche Tätigkeit unselbständig Erwerbstätiger nach höchster abgeschlossener Schulbildung in %
SchulbildungInsgesamtHilfstätigkeit, Angelernte TätigkeitFacharbeiter/-in, Vorarbeiter/-in, Meister/-inMittlere Tätigkeit (nicht manuell)Höhere u. hochqualifizierte Tätigkeit (nicht manuell)Führende Tätigkeit (nicht manuell)
Frauen
Insgesamt1)100,024,37,840,124,03,8
Pflichtschule100,073,73,320,5(1,6)(x)
Lehre100,029,416,745,07,11,7
BMS100,016,99,554,616,22,8
AHS100,027,9(3,7)49,015,8(3,6)
BHS100,012,83,954,125,53,6
Uni, FH, Akademie100,05,11,622,062,78,6
Männer
Insgesamt1)100,024,024,021,922,08,1
Pflichtschule100,072,89,813,2(2,5)(1,7)
Lehre100,024,342,721,27,34,6
BMS100,020,719,035,317,77,3
AHS100,028,66,634,823,07,0
BHS100,011,38,030,637,912,3
Uni, FH, Akademie100,05,6(1,7)11,862,018,9
Tabelle 5: Erwerbstätige und unselbständig Erwerbstätige nach Vollzeit/Teilzeit und Geschlecht
 ErwerbstätigeDarunter: Unselbständige
insgesamtVollzeitTeilzeitTeilzeitquoteinsgesamtVollzeitTeilzeitTeilzeitquote
in 1.000in %in 1.000in %
Insgesamt4.355,03.133,61.221,428,03.825,42.734,41.091,028,5
Frauen2.041,81.068,0973,847,71.848,2951,7896,548,5
Männer2.313,22.065,6247,610,71.977,21.782,8194,49,8

 

Tabelle 6: Anteil der unselbständig Erwerbstätigen in ausgewählten Wirtschaftsabschnitten in %
Wirtschaftsabschnitte gemäß ÖNACEAnteil der unselbständig ErwerbstätigenFrauenanteil je AbschnittTeilzeitquote
InsgesamtMännerFrauenInsgesamtMännerFrauen
Herstellung von Waren17,324,59,6
26,7
12,24,234,3
Handel14,912,417,5
57,038,312,657,7
Gesundheits- und Sozialwesen11,14,617,9
78,348,72355,8
Bau8,414,02,5
14,110,63,752,6
Erziehung und Unterricht7,44,011,0
71,934,319,240,2
Öffentliche Verwaltung7,47,47,3
48,122,14,741
Beherbergung und Gastronomie6,04,27,9
63,738,52247,9
Verkehr5,47,92,8
24,715,88,239,1

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Mag. Tamara GEISBERGER, Tel.: +43 1 71128-7818 bzw. tamara.geisberger@statistik.gv.at

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