Pressemitteilung: 12.686-277/21

"Wie geht's Österreich?" im Corona-Jahr 2020: deutliche Einbrüche beim materiellen Wohlstand, Rückgänge bei Energieverbrauch und Treibhausgasen, Lebenszufriedenheit im 1. Halbjahr stabil

Wien, 2021-12-14 – "Wie geht's Österreich", was materiellen Wohlstand, Lebensqualität und Umwelt betrifft? In der Studie von Statistik Austria bewertet ein unabhängiges wissenschaftliches Expertinnen- und Expertengremium jährlich die Entwicklung von 31 Schlüsselindikatoren in Österreich. Wesentliche Indikatoren des materiellen Wohlstands wurden im COVID-19-Krisenjahr 2020 tendenziell negativ bewertet: Das Bruttoinlandsprodukt (-7,1%, real, pro Kopf ggü. 2019) und der Konsum (-7,7%, real, pro Kopf) zeigten deutliche Rückgänge, die Arbeitslosenquote (von 4,5% auf 5,4%) und der öffentliche Schuldenstand (von 70,6% auf 83,2%) stiegen im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 an. Für einen Großteil der Schlüsselindikatoren im Bereich Lebensqualität gab es positive oder tendenziell positive Bewertungen: Die subjektive Lebenszufriedenheit lag weiterhin auf einem sehr hohen Niveau, das subjektive physische Unsicherheitsempfinden aufgrund von Kriminalität, Gewalt oder Vandalismus ging 2020 deutlich zurück (von 8,4% auf 5,7%). Etwas positiver als in den vergangenen Jahren, aber durchaus noch kritisch, bewertet das Expertengremium die kurzfristige Entwicklung der meisten Schlüsselindikatoren im Umweltbereich. Aufgrund des hohen Niveaus wurden der Energieverbrauch wie auch die Treibhausgasemissionen insgesamt trotz der Rückgänge im Jahr 2020 (Energie: -7,6%, Treibhausgase: -7,7%) neutral bzw. tendenziell negativ bewertet. Weiterhin sehr positiv wurden die Zunahme der Bio-Flächen sowie der Rückgang der Feinstaubexposition gesehen.

"Die Corona-Pandemie hat Österreich gesundheitlich und wirtschaftlich hart getroffen. Nach der Bewältigung der akuten Krise wird es darum gehen, Herausforderungen zu meistern, vor denen Österreich bereits vor der Krise stand: die langfristige Sicherung des hohen Wohlstandsniveaus, die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme in Zeiten des demografischen Wandels oder der nachhaltige Schutz von Klima und Umwelt, auch wenn mit den Corona-Einschränkungen der Energieverbrauch und die Treibhausgasemissionen zeitweise kräftig zurückgegangen sind", sagt Statistik Austria-Generaldirektor Tobias Thomas.

Materieller Wohlstand: Auswirkungen der Corona-Krise deutlich sichtbar, BIP pro Kopf 2020 stark eingebrochen, Arbeitslosigkeit gestiegen

Im Jahr 2020 schrumpfte die gesamte österreichische Wirtschaftsleistung real um 6,7 %, die Bevölkerung wuchs um 0,4 % und das reale BIP pro Kopf reduzierte sich damit um 7,1 %. Für die EU-27 betrug der Rückgang des realen BIP pro Kopf 2020 6,0 %, Österreich lag jedoch weiterhin mit 37.180 Euro (in Kaufkraftstandards) und Rang fünf deutlich über dem EU-27-Schnitt von 29.894 Euro. Der reale Konsum ging im Jahr 2020 um 7,7% zurück (EU-27: -6,1%). Dieser massive Rückgang lässt sich vor allem auf die Einschränkungen in den Bereichen Beherbergung und Gastronomie zurückführen, die in Österreich einen vergleichsweise hohen Anteil der Wirtschaftsleistung ausmachen.

Nach einem Rückgang der Arbeitslosigkeit aufgrund der besseren konjunkturellen Lage bis 2019 führte die COVID-19-Krise 2020 zu einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit von 4,5% auf 5,4% (EU-27: 7,1%). Dass der Anstieg nicht noch kräftiger ausfiel, lag insbesondere an den vielen Erwerbstätigen in Kurzarbeit.

Die Staatsverschuldung stieg in Österreich im Jahr 2020 in Folge der Mindereinnahmen und Mehrausgaben zur Eindämmung der Corona-Folgen um rund 35 Mrd. Euro auf 315,6 Mrd. Euro. Die Staatsschuldenquote wuchs im Laufe des Jahres von 70,6% auf 83,2 % des BIP, laut Maastricht-Vertrag darf der Schuldenstand eines EU-Mitgliedslands 60 % des BIP nicht überschreiten.

Lebensqualität: Zufriedenheit 2020 weiter hoch; signifikanter Rückgang des physischen Unsicherheitsempfindens

Die mittlere allgemeine Lebenszufriedenheit lag 2020 bei 8,1 von 10 Punkten (Bewertungsmöglichkeiten zwischen 0 "überhaupt nicht zufrieden" und 10 "vollkommen zufrieden") und damit geringfügig (nicht signifikant) höher als im Vorjahr. Dieser Wert liegt damit stabil auf deutlich höherem Niveau als der letztverfügbare EU-Wert (7,3 im Jahr 2018). Die positive Einschätzung der Lebensqualität setzte sich bemerkenswerterweise auch im COVID-19-Jahr 2020 fort. Hier ist anzumerken, dass die Erhebung der Daten zu Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC-Erhebung), die hierfür als Datenquelle dient, zwischen März und Juli 2020 stattfand, also zu Beginn der Pandemie- bzw. während des ersten Lockdowns, und die Frage nach der allgemeinen Zufriedenheit "Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben insgesamt?" nicht kurzfristige Einflüsse widerspiegelt, sondern eine längerfristige Bewertung vielfältiger Aspekte des eigenen Lebens im Sinne einer Gesamtbeurteilung der Lebenssituation darstellt. Die hohe allgemeine Lebenszufriedenheit zu Beginn der Pandemie schließt nicht aus, dass die COVID-19-Krise bzw. deren Folgen für einzelne Personengruppen eine erhebliche Rolle spielt.

Das subjektive physische Unsicherheitsempfinden ist 2020 signifikant zurückgegangen: 5,7 % der Bevölkerung gaben an, in ihrer Wohngegend Probleme mit Gewalt, Kriminalität oder Vandalismus zu haben, was einen Rückgang um 2,7 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr (8,4%) darstellt. Der Trend ist seit 2014 eindeutig abnehmend, die kurzfristig deutliche Veränderung ist wohl zu einem Gutteil ein positiver Nebeneffekt der COVID-19-Pandemie.

Die Auswirkungen der COVID-19-Krise auf die Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung sind noch abzuwarten. In der längerfristigen Betrachtung ist der Anteil der Bevölkerung, der sich regelmäßig größere Ausgaben nicht leisten kann, seit 2008 bis 2020 von 5,9% auf 2,7% zurückgegangen.

Umwelt: Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen liegen zwar weiterhin auf zu hohem Niveau, Corona-Krise wirkte 2020 jedoch deutlich verbrauchs- und emissionsmindernd

Im Umweltbereich bewertet das externe Gremium unabhängiger wissenschaftlicher Expertinnen und Experten wesentliche Schlüsselindikatoren aufgrund des zu hohen Ausgangsniveaus weiterhin kritisch, auch wenn es im COVID-19-Jahr 2020 deutliche Rückgänge etwas bei den Treibhausgasemissionen oder dem Energieverbrauch gab. So gingen die Treibhausgasemissionen 2020 laut vorläufigen Daten um 7,7% zurück, im EU-Vergleich pro Kopf lag Österreich bei den nationalen Emissionen 2019 (letztverfügbares Jahr der internationalen Daten) an 18. Stelle. Der energetische Endverbrauch reduzierte sich 2020 um 7,6%, trotzdem zeigte sich über den gesamten Zeitraum 2000 bis 2020 ein Anstieg von 12,5% (EU-27: von 2000 bis 2019 +0,4%). Eindeutig negativ sahen die Expertinnen und Experten weiterhin die zunehmende Flächenversiegelung.

Auch für die Dimension Verkehr ergaben sich trotz temporär starker Rückgänge tendenziell negativ bewertete Entwicklungen: Der Energieverbrauch des Verkehrs ging 2020 um 18% stark zurück, die Treibhausgasemissionen des Verkehrs sanken zeitgleich um 14,3% (vorläufiger Wert). Für 2020 zeigte sich für das Inland ein geringer Rückgang der Transportleistung mit österreichischen Lkw von rund 1% auf 18,7 Mrd. tkm, die Transportleistung mit ausländischen Fahrzeugen auf österreichischen Straßen reduzierte sich um 5,6%.

Sehr positive Entwicklungen gab es 2020 beim Anteil der Bio-Flächen an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche (ohne Almen), der sich seit 2000 (11,5%) auf 25,2% mehr als verdoppelte und auch 2020 um 1,8% weiter anstieg (EU-27-Durchschnitt 2019: 8,5%). Zudem sanken die Emissionen von Feinstaub (PM2,5) weiter und lagen zuletzt bei weniger als der Hälfte von 2005.

Detaillierte Ergebnisse bzw. weitere Informationen zum Thema finden Sie auf unserer Webseite sowie in der Publikation "Wie geht's Österreich?" 2021.

 

Methodische Informationen, Definitionen: Statistik Austria setzte 2012 bei der Zusammenstellung des Indikatorensets die Empfehlungen der "Sponsorship Group on Measuring Progress, Well-being and Sustainable Development" entsprechend der nationalen statistischen Datenlage weitgehend um. Weitere definierte Zielindikatoren auf EU-Ebene (z. B. Europa-2020-Indikatoren) und UN-Ebene sowie nationale Initiativen flossen ebenfalls in die ursprüngliche Auswahl ein. Bei der Erstellung der Indikatoren wird auf offizielle Datenquellen zurückgegriffen. Seither wird das Indikatorenset in einem breiten Kommunikationsprozess mit wissenschaftlichen Expertinnen und Experten sowie Vertreterinnen und Vertretern von Interessensvertretungen und Ministerien weiterentwickelt.  
Das Indikatorenset beinhaltet neben dem BIP 30 Schlüsselindikatoren, die die zentralen Maßzahlen der jeweiligen Dimensionen von "Wie geht's Österreich?" darstellen. Die Bewertung der Schlüsselindikatoren erfolgt durch ein Gremium unabhängiger wissenschaftlicher Expertinnen und Experten anhand einer fünfteiligen Skala. Gegenstand der Bewertung sind die kurzfristigen (letzte drei Jahre) und langfristigen Entwicklungen des jeweiligen Indikators (ab Beginn der Zeitreihe, zumindest zehn Jahre) sowie das Niveau. 
Das Gremium unabhängiger wissenschaftlicher Expertinnen und Experten setzt sich wie folgt zusammen: em.o.Univ.-Prof. Dr. Christoph Badelt (WU Wien), Univ.-Prof. Dr. Jesus Crespo Cuaresma (WU Wien), Univ.-Prof. Dr. Alexia Fürnkranz-Prskawetz (TU Wien), Univ.-Prof. Dr. Sabine Theresia Köszegi (TU Wien), Univ.-Prof. Dr. Nadia Steiber (Universität Wien & IHS), Univ.-Prof. Dr. Karl W. Steininger (Universität Graz), Univ.-Prof. Dr. Hannelore Weck-Hannemann (Universität Innsbruck) und Univ.-Prof. Dr. Rudolf Winter-Ebmer (Universität Linz & IHS).

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Rückfragen zum Thema beantwortet in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria:  
Mag. Alexandra WEGSCHEIDER-PICHLER, Tel.: +43 1 71128-7838  
bzw. alexandra.wegscheider-pichler@statistik.gv.at

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