Pressemitteilung: 12.572-163/21

Sozialausgaben im Corona-Jahr 2020 um 11% auf 130 Mrd. Euro gestiegen

Wien, 2021-07-22 – Die Sozialausgaben beliefen sich im Jahr 2020 nach vorläufigen Berechnungen von Statistik Austria auf rund 130 Mrd. Euro (2019: 117 Mrd. Euro). Der überdurchschnittlich starke Anstieg (+11,4%) führte zusammen mit dem markanten Rückgang der Wirtschaftsleistung (-5,1%) dazu, dass die Sozialquote, die den Anteil der Sozialausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) darstellt, auf 34,4% stieg und damit 5,1 Prozentpunkte über dem Vorjahreswert lag (siehe Tabelle 1).

"Im Corona-Jahr 2020 flossen erstmals Ausgaben in der Höhe von mehr als einem Drittel der österreichischen Wirtschaftsleistung in Soziales: Mit 34,4% lag die Sozialquote, also der Anteil der Sozialausgaben am BIP, um 5,1 Prozentpunkte über dem 2019er-Wert und erreichte damit einen historischen Höchstwert. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 lag die Sozialquote bei 29,6%", so Statistik Austria-Generaldirektor Tobias Thomas.

Die Sozialquote erreichte im Durchschnitt des letzten Jahrzehnts (2010–2020) einen Wert von 29,9% und liegt damit deutlich über dem Wert der beiden vorangegangenen Jahrzehnte (2000–2010: 28,2%; 1990–2000: 27,9%). Die durchschnittliche jährliche Zunahme der Sozialausgaben über den gesamten Zeitraum (1990–2020: +4,4%) übertraf das Wirtschaftswachstum (BIP +3,5%) deutlich.

Krisenbedingt starker Anstieg von Sozialleistungen für Beschäftigte, Arbeitslose und Familien

Der Ausgabenanstieg 2020 ist hauptsächlich auf Maßnahmen zurückzuführen, die zur Bewältigung der sozialen Folgen der COVID-19-Pandemie ergriffen wurden. Dazu gehörten vor allem die folgenden Sozialleistungen:

  • Kurzarbeitsbeihilfe: 5,5 Mrd. Euro,
  • Unterstützungsleistungen für Selbständige sowie Künstlerinnen und Künstler: 1,1 Mrd. Euro,
  • Einmalzahlung an Familien (Familienbeihilfe Kinderbonus): 656 Mio. Euro,
  • Gesundheitsleistungen des Bundes (Schutzausrüstung, Desinfektionsmittel etc.): 450 Mio. Euro,
  • Einmalzahlungen an Bezieherinnen und Bezieher von Arbeitslosengeld und Notstandshilfe: 365 Mio. Euro.

Da der Großteil des coronabedingten Mehraufwands der Krisenbewältigung am Arbeitsmarkt diente, haben sich die Ausgaben für die Sozialleistungen in der Funktion Arbeitslosigkeit von 6 Mrd. Euro (2019) auf 13 Mrd. Euro (2020) mehr als verdoppelt (siehe Tabelle 2). Im Vordergrund stand das Instrumentarium der Kurzarbeitsbeihilfe, das massiv zum Einsatz kam (ablesbar am starken Ausgabenanstieg von 2 Mio. Euro auf 5,5 Mrd. Euro), um (weitere) Arbeitslosigkeit zu verhindern. Aufgrund der insgesamt stark gestiegenen Arbeitslosigkeit und der verbesserten sozialen Absicherung (Einmalzahlungen, befristete Anhebung der Notstandshilfe) nahmen auch die Ausgaben für das Arbeitslosengeld (+55%) und die Notstandshilfe (+42%) signifikant zu.

Die nach den Kurzarbeitsbeihilfen zweithöchsten coronabedingten Sozialleistungsausgaben waren Unterstützungsleistungen für Selbständige (Kleinstunternehmen, freie Dienstnehmerinnen und Dienstnehmer etc.) sowie Künstlerinnen und Künstler, die als Soforthilfen (nicht rückzahlbare Zuschüsse) zur (zumindest teilweisen) Kompensation von Einkommenseinbußen aufgrund der COVID-19-Krise gewährt wurden (1,1 Mrd. Euro). Durch die Einmalzahlung in Form des Kinderbonus erhielten auch die Familien eine zusätzliche Unterstützung in der Krise (656 Mio. Euro), so dass die Ausgaben für die Familienbeihilfe ebenfalls stark zunahmen (+21%).

Aber weiterhin Dominanz der Alters- und Gesundheitsleistungen

Trotz der in der Krise stark erhöhten Ausgaben für Beschäftigte, Arbeitslose und Familien dominieren im österreichischen Sozialstaat weiterhin die Leistungen an Personen im Pensionsalter: Für Alterspensionen, Ruhegenussleistungen, Betriebspensionen sowie Betreuungs- und Pflegeleistungen wurden 54 Mrd. Euro (+5,6% gegenüber 2019) und damit 43% der Sozialleistungen insgesamt aufgewendet. An zweiter Stelle mit rund 32 Mrd. Euro (+4,0%) und einem Anteil von 25% folgen die Ausgaben für den Bereich Krankheit bzw. Gesundheitsversorgung aller Altersgruppen; hier gab es neben Zuwächsen bei den ambulanten (+5%) und stationären (+7%) Gesundheitsleistungen auch Rückgänge in der Ausgabenentwicklung im Krisenjahr 2020 (Gesundheitsvorsorge und Rehabilitation: -11%, Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall: -6%).

Detaillierte Ergebnisse bzw. weitere Informationen zu den Sozialausgaben finden Sie auf unserer Webseite.

Informationen zur Methodik, Definitionen:  
Die Ausgaben und Einnahmen des Sozialschutzes werden in der EU nach der Methodik des ESSOSS (Europäisches System der Integrierten SOzialSchutzsstatistik) berechnet. Zu den Sozialschutzausgaben (ident mit dem oben verwendeten Begriff der Sozialausgaben) zählen Sozialleistungen, Verwaltungskosten und sonstige Ausgaben (z.B. Zinsen) im Rahmen von Sozialschutzsystemen (in Österreich z. B. die gesetzliche Pensionsversicherung oder der Familienlastenausgleichsfonds). Sozial(schutz-)ausgaben sind Ausgaben mit Umverteilungscharakter, d. h. keine privaten Ausgaben, keine Anspar- und Lebensversicherungssysteme, keine privaten Zuzahlungen und keine betrieblichen Sozialleistungen ohne Umverteilungscharakter. Ebenfalls nicht zu den Sozialschutzausgaben zählen Bildungsausgaben, Wohnbauförderung und steuerliche Umverteilungen, die nicht primär sozialen Zwecken dienen.  
Sozialleistungen werden als "Bruttoleistungen" berechnet: ihr Wert entspricht dem Auszahlungsbetrag des jeweiligen Sozialschutzsystems, vor Abzug von Einkommenssteuern und anderen von den Empfängern zu leistenden Abgaben. Sozialleistungen sind von den Sozialschutzsystemen an private Haushalte und Einzelpersonen erbrachte Leistungen, die zur Abdeckung der durch eine Reihe von Risiken oder Bedürfnissen entstandenen Lasten dienen. Im ESSOSS sind es vereinbarungsgemäß acht Risiken bzw. Bedürfnisse (sog. Funktionen), die den Sozialschutz begründen (Wohnen und Bekämpfung sozialer Ausgrenzung sind in der Darstellung zu einer Funktion zusammengefasst). Direkte Zahlungen der Leistungsbezieherinnen und -bezieher zur Deckung der Kosten von Sozialleistungen sind keine Einnahmen der Sozialschutzsysteme, sondern der institutionellen Einheiten, die diese Leistungen bereitstellen, und werden vom Wert der Sozialleistung abgezogen (z. B. die Rezeptgebühren oder die im Fall der Pflegeheimunterbringung geleisteten Eigenbeiträge).  
Statistik Austria berechnet die ESSOSS-Daten für Österreich im Auftrag des Sozialministeriums. Die Zeitreihe umfasst 1980, 1985 und die Jahre ab 1990 bis zum aktuellen Berichtsjahr. Die Ergebnisse für 2020 sind derzeit noch vorläufig (die endgültigen Ausgaben werden zusammen mit den Einnahmen im Herbst vorliegen). Die ESSOSS-Rechnung verwendet Gebarungsdaten der Gebietskörperschaften und Sozialversicherungsträger, Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, Gewinn- und Verlustrechnungen von Fonds und Kassen, diverse Sekundärstatistiken und sonstige Informationen. Im Hinblick auf die Vorläufigkeit lässt sich sagen, dass die Daten zu den Sozialausgaben bzw. Sozialleistungen des Bundes und der Sozialversicherungen für gewöhnlich nahe bei den endgültigen Werten liegen, während es bei den anderen noch zu größeren Abweichungen kommen kann, weil sie auf Fortschreibungen mit Veränderungsraten aus der vorläufigen COFOG-Staatsausgabenrechnung (Länder und Gemeinden) oder auf Schätzungen (betrieblichen Pensionsvorsorge) beruhen.

 

Tabelle 1: Sozialausgaben, Sozialquote und Sozialleistungen in Österreich 2000–2020
 2000200520102015201920201)
Sozialausgaben in Mio. Euro59.67871.06087.647102.814116.627129.945
Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Mio. Euro2)213.606254.075295.897344.269397.575377.297
Sozialquote (Sozialausgaben in % des BIP)27,928,029,629,929,334,4
Sozialleistungen in Mio. Euro3)57.92668.83685.279100.147113.668126.945
Sozialleistungen nach Funktionen in %:      
- Krankheit/Gesundheitsversorgung25,625,525,325,326,724,9
- Invalidität8,27,67,26,86,15,6
- Alter40,440,842,744,345,142,6
- Hinterbliebene8,27,46,66,05,55,0
- Familie/Kinder11,311,210,89,69,29,0
- Arbeitslosigkeit4,85,85,65,75,410,2
- Wohnen/Soziale Ausgrenzung1,41,71,92,41,92,7

 

Tabelle 2: Ausgaben für die wichtigsten Sozialleistungen1) nach Funktionen 2000–2020, in Mio. Euro
 20002010201920202)
Krankheit/Gesundheitsversorgung insgesamt14.81521.56030.34931.573
- Stationäre Versorgung der Krankenversicherung, Krankenfürsorgeanstalten und Gebietskörperschaften6.53410.04214.05515.075
- Ambulante Versorgung der Krankenversicherung, Krankenfürsorgeanstalten und Gebietskörperschaften5.3437.45910.43510.942
- Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall1.9702.5313.4733.267
- Gesundheitsvorsorge und Rehabilitation der Pensionsversicherung3447421.2041.066
Invalidität insgesamt4.7686.1276.9907.083
- Invaliditätspension der Pensionsversicherung1.6793.0122.5842.560
- Behindertenhilfe der Länder und Gemeinden4971.2211.9011.971
- Ruhegenuss der öffentlichen Rechtsträger424803805837
- Pflegegeld des Bundes und der Länder3)337480541581
Alter insgesamt23.39236.40051.23354.125
- Normale Alterspension und Invaliditätspension der Pensionsversicherung11.31419.81431.07532.359
- Ruhegenuss der öffentlichen Rechtsträger6.0508.22710.29510.704
- Betriebspension1.2161.9132.9683.034
- Mindestsicherung/Sozialhilfe der Länder und Gemeinden4)8061.4162.7722.855
- Vorzeitige Alterspension bei langer Versicherungsdauer, Korridorpension, Langzeitversicherte und Schwerarbeitspension der Pensionsversicherung5)2.3342.8191.6392.560
- Pflegegeld des Bundes und der Länder3)1.3081.8452.0772.195
Hinterbliebene insgesamt4.7585.5996.2986.383
- Hinterbliebenenpension der Pensionsversicherung3.5504.3525.1085.246
- Hinterbliebenenversorgung der öffentliche Rechtsträger885991990941
Familie/Kinder insgesamt6.5529.20610.50311.425
- Familienbeihilfe6)2.9233.4473.4954.222
- Kindergärten6831.5532.3802.524
- Kinderabsetzbetrag1.1501.3191.3281.339
- Kinderbetreuungsgeld (inkl. Zuschuss/Beihilfe)-1.0621.1981.171
Arbeitslosigkeit insgesamt2.8014.7996.09212.911
- Kurzarbeitsbeihilfe25525.489
- Aktive und aktivierende arbeitsmarktpolitische Maßnahmen7)7761.9312.6822.614
- Arbeitslosengeld8)9021.3391.5482.395
- Notstandshilfe9)5778211.3421.909
Wohnen/Soziale Ausgrenzung insgesamt8401.5892.2053.444
- Mindestsicherung/Sozialhilfe und Flüchtlingshilfe der Länder/Gemeinden3127631.5441.629
- Unterstützungsleistungen für Selbständige und Künstler/innen10)---1.112
- Wohn-, Mietzins- und Mietbeihilfen216460302307

Rückfragen zum Thema beantwortet das Sozialschutz-Team in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria: sozialschutz@statistik.gv.at

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