Pressemitteilung: 12.397-237/20

Hohe Flexibilität in der Arbeitswelt; 40,5% der Erwerbstätigen immer oder häufig unter Zeitdruck

Wien, 2020-12-14 – Zwei Fünftel (41,5%) der Erwerbstätigen werden zumindest einmal im Monat zu einem früheren Arbeitsbeginn oder späteren Arbeitsende aufgefordert. Das geht aus der heute von Statistik Austria veröffentlichten Erhebung zu Arbeitsorganisation und Arbeitszeitgestaltung 2019 hervor, die die Situation der erwerbstätigen Bevölkerung vor der COVID-19-Pandemie beschreibt.

Knapp die Hälfte (49,1%) der in der Freizeit kontaktierten Personen werden nach der Kontaktaufnahme auch beruflich aktiv, davon überdurchschnittlich häufig Selbständige (64,1%). Kurzfristig ein bis zwei Stunden freizunehmen ist für ein gutes Drittel der Erwerbstätigen sehr einfach (36,7%), ungeplant ein bis zwei Tage freizunehmen hingegen nur für knapp ein Viertel (24,5%). Außerdem arbeiten 40,5% der Erwerbstätigen in Österreich immer oder häufig unter Zeitdruck.

Ein gutes Viertel der Erwerbstätigen wird zumindest einmal wöchentlich zu einem früheren Arbeitsbeginn oder späteren Arbeitsende aufgefordert

Die Aufforderung, länger am Arbeitsplatz zu bleiben oder früher zu kommen, erfolgt bei einem Viertel der Erwerbstätigen (27,1%) mindestens einmal wöchentlich, bei weiteren 14,4% seltener, aber mindestens einmal monatlich. Selbständige geben mit 45,0% fast doppelt so oft wie Unselbständige (24,6%) an, zumindest einmal in der Woche länger bleiben oder früher kommen zu müssen. Auch bestehen starke Unterschiede zwischen den Berufsgruppen bzw. Tätigkeitsniveaus: Besonders betroffen sind Führungskräfte (51,4%) sowie Fachkräfte in der Land- und Forstwirtschaft (37,3%) und Beschäftigte in akademischen Berufen (32,8%). Nach Branchen betrachtet erhalten Erwerbstätige in der Land- und Forstwirtschaft (35,5%) sowie Erwerbstätige in der Erbringung von freiberuflichen und technischen Dienstleistungen (35,0%) am häufigsten eine Aufforderung zu flexiblen Arbeitszeiten. Im Vergleich zum Jahr 2015, in dem eine thematisch ähnliche Erhebung durchgeführt wurde, ist die Forderung nach flexiblen Arbeitszeiten vor allem für selbständig Erwerbstätige markant gestiegen.

Rund 40% der Erwerbstätigen werden in der Freizeit dienstlich kontaktiert

40,5% der Erwerbstätigen werden zumindest einmal in zwei Monaten außerhalb der Arbeitszeit bezüglich ihrer Arbeit kontaktiert. Selbständige (62,8%) sind eher betroffen als Unselbständige (37,4%), Männer etwas öfter als Frauen, Erwerbstätige mit hohem Tätigkeitsniveau oder hoher formaler Ausbildung öfter als Erwerbstätige mit niedrigem Tätigkeitsniveau oder niedriger formaler Ausbildung. Während Fachkräfte in der Land- und Forstwirtschaft zwar relativ selten außerhalb der Arbeitszeit kontaktiert werden, sind sie dennoch die Berufsgruppe, die danach am ehesten aktiv wird. Die Kontaktaufnahme in der Freizeit ist im Vergleich zu 2015 insgesamt zwar zurückgegangen, für selbständig Erwerbstätige haben sich die beruflichen Kontakte in der Freizeit jedoch intensiviert.  

Ein gutes Drittel der Erwerbstätigen kann sich kurzfristig ein paar Stunden freinehmen, knapp ein Viertel auch ein bis zwei Tage

Sich kurzfristig ein bis zwei Stunden freizunehmen, ist für Erwerbstätige deutlich einfacher, als kurzfristig ein bis zwei Tage freizunehmen. Für ein gutes Drittel der Erwerbstätigen ist es sehr leicht (36,7%), ein bis zwei Stunden freizunehmen, ein bis zwei Tage freizunehmen hingegen nur für knapp ein Viertel (24,5%). Wesentliche Unterschiede bestehen dabei zwischen selbständig und unselbständig Erwerbstätigen: Können Selbstständige sich zu 77,5% sehr leicht kurzfristig ein bis zwei Stunden freinehmen, ist dies nur für knapp ein Drittel der unselbständig Beschäftigten (31,0%) der Fall. Auch das kurzfristige Freinehmen von ein bis zwei Tagen fällt Selbständigen mehr als doppelt so häufig sehr leicht (48,6%) als Unselbständigen (21,1%). Männer sind hinsichtlich ihrer Arbeitszeitgestaltung etwas flexibler als Frauen, wobei dies auch auf geschlechtsspezifische Unterschiede in Berufen und Branchen zurückzuführen ist. Die erhöhte Flexibilität bei Männern gilt sowohl für das kurzfristige Freinehmen von Stunden als auch von Tagen. Deutliche Unterschiede bestehen zwischen Berufen, Branchen und ausgeübten Tätigkeitsniveaus. Insbesondere Erwerbstätige in Hilfs- und angelernten Tätigkeiten beziehungsweise in den Branchen Erziehung und Unterricht, Gesundheits- und Sozialwesen, Verkehr sowie in der Beherbergung und Gastronomie fällt es deutlich schwerer, sich kurzfristig für einige Stunden oder auch Tage frei zu nehmen. Die Angaben der Erwerbstätigen deuten darauf hin, dass es im Vergleich zu 2015 nicht nur deutlich schwieriger geworden ist sich kurzfristig wenige Stunden, sondern auch ein bis zwei Tage freizunehmen.

Etwa 40% der Erwerbstätigen arbeiten immer oder häufig unter Zeitdruck

40,5% der Erwerbstätigen in Österreich arbeiten immer oder häufig unter Zeitdruck – rund ein Zehntel (12,6%) arbeitet immer, weitere 28,0% häufig und 41,3% arbeiten manchmal unter Zeitdruck. Für die verbleibenden 18,1% ist dies dagegen nie der Fall. Die Branche mit dem höchsten Anteil an Beschäftigten, die immer unter Zeitdruck arbeiten, ist Beherbergung und Gastronomie (18,2%). Überdurchschnittlich oft besteht auch in Verkehr (17,9%), im Gesundheits- und Sozialwesen (17,4%) sowie im Bau (13,6%) und im Handel (13,4%) für die Beschäftigten ständiger Zeitdruck. Inklusive der Erwerbstätigen, die angeben, häufig unter Zeitdruck zu arbeiten, steigt der Anteil der Beschäftigten unter Zeitdruck in Beherbergung und Gastronomie auf mehr als die Hälfte (53,0%). Im Vergleich zu 2015 ist der Zeitdruck moderat angestiegen.

Detaillierte Ergebnisse bzw. weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in der Publikation "Arbeitsorganisation und Arbeitszeitgestaltung 2019".

 

Informationen zur Methodik, Definitionen: Bei den hier präsentierten Ergebnissen zur Arbeitsorganisation und Arbeitszeitgestaltung in Österreich handelt es sich um Daten aus dem Ad-hoc-Modul 2019 zur europäischen Arbeitskräfteerhebung, die in Österreich im Rahmen des Mikrozensus durchgeführt wurde. Der Mikrozensus ist eine Stichprobenerhebung in Haushalten. Dabei wurden in standardisierter Form Informationen zur Arbeitsmarktsituation in Österreich in zufällig ausgewählten privaten Haushalten erhoben. Im Rahmen dieses Moduls wurden 17.669 Personen (Netto-Stichprobe) befragt. Diese Daten wurden anschließend auf die Bevölkerungszahl hochgerechnet. 
Zielgruppe des Ad-hoc-Moduls 2019: alle erwerbstätigen Personen ab 15 Jahren (Erwerbstätigkeit nach internationaler Definition). 
Kurzfristig ein bis zwei Stunden frei nehmen: Dies soll innerhalb desselben Arbeitstages aus persönlichen oder familiären Gründen möglich sein. Persönliche oder familiäre Gründe sind beispielsweise, wenn der Rauchfangkehrer kommt, wichtige Erledigungen getätigt werden müssen oder Familienfeiern besucht werden. Ausgeschlossen sind hingegen Fälle, bei denen es gesetzlich abgesichert ist, den Arbeitsplatz verlassen zu dürfen, wie z. B. Unfälle, Notfälle, Todesfälle, Erkrankung oder Pflegefreistellung. 
Kurzfristig ein bis zwei Tage frei nehmen: Dies soll innerhalb dreier Werktage möglich sein. Ausgeschlossen sind somit einerseits schon länger geplante Urlaube als auch Perioden, in denen der Betrieb geschlossen ist oder die Produktion stillsteht. Ebenfalls sind hier jene Fälle ausgeschlossen, bei denen es gesetzlich abgesichert ist, dass kurzfristig Tage freigenommen werden dürfen, wie z. B. bei Erkrankung, Todesfällen oder Pflegefreistellung.  
Aufforderung, länger zu bleiben oder früher zu kommen: Im Mittelpunkt stehen dabei kurzfristige Änderungen der Arbeitszeiten. Im Fall von unselbständig Erwerbstätigen geschieht die Aufforderung durch die Vorgesetzten, im Fall von Selbständigen, weil es von ihren Aufgaben bzw. Kundinnen und Kunden gefordert wird.  
Kontaktaufnahme in der Freizeit: Der Bezugszeitraum liegt hier bei den letzten zwei Monaten vor dem Erhebungszeitpunkt. Der Kontakt kann von Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen, Geschäftspartnerinnen und Geschäftspartnern aber auch von Kundinnen und Kunden ausgehen. Der Kontakt kann über Telefon (inkl. Handy/Smartphone), über private oder geschäftliche E-Mail-Adressen oder persönlich stattfinden. Eine Kontaktaufnahme bei Bereitschaftsdiensten zählt nicht dazu. Wurde Kontakt aufgenommen, so wurde zusätzlich erhoben, ob Erwerbstätige auch beruflich aktiv werden mussten.

 

Tabelle 1: Erwerbstätige nach Möglichkeit kurzfristig ein bis zwei Stunden freizunehmen und erwerbsstatistischen Merkmalen
MerkmaleErwerbstätige insgesamtMöglichkeit, kurzfristig 1 bis 2 Stunden freizunehmen
sehr einfach1)eher einfacheher schwersehr schwer
in 1.000in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %
Insgesamt4.355,01.596,536,71.225,728,1743,117,1789,718,1
Männer2.313,2917,739,7660,928,6375,816,2358,815,5
Frauen2.041,8678,833,2564,727,7367,318,0430,921,1
Berufliche Stellung
Unselbständige zusammen 3.825,41.186,231,01.173,530,7704,318,4761,319,9
Selbständige und Mithelfende zusammen529,6410,377,552,29,838,87,328,45,4
Tabelle 2: Erwerbstätige nach Möglichkeit kurzfristig ein bis zwei Tage freizunehmen und erwerbsstatistischen Merkmalen
MerkmaleErwerbstätige insgesamtMöglichkeit, kurzfristig 1 bis 2 Tage freizunehmen
sehr einfacheher einfacheher schwersehr schwer
in 1.000in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %
Insgesamt4.355,01.066,124,51.376,831,61.074,424,7837,719,2
Männer2.313,2587,625,4764,433,0574,324,8386,916,7
Frauen2.041,8478,523,4612,430,0500,124,5450,822,1
Berufliche Stellung
Unselbständige zusammen 3.825,4808,921,11.264,433,1984,825,7767,320,1
Selbständige und Mithelfende zus.529,6257,248,6112,421,289,616,970,413,3
Tabelle 3: Erwerbstätige nach erwarteter Flexibilität bei Arbeitszeiten, Kontaktaufnahme außerhalb der Arbeitszeit und erwerbsstatistischen Merkmalen
MerkmaleErwerbstätige insgesamtAufforderung früher zu kommen/später zu gehen1)Kontaktaufnahme außerhalb Arbeitszeit2)
mind. 1x/Wochemind. 1x/Monatseltener/niehäufiger1 bis 2 Malnie
in 1.000in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %
Insgesamt4.355,01.180,427,1627,214,42.547,558,5842,719,3920,521,12.591,859,5
Männer2.313,2722,731,2347,215,01.243,453,8530,522,9493,321,31.289,355,7
Frauen2.041,8457,722,4280,013,71.304,163,9312,115,3427,220,91.302,563,8
Berufliche Stellung
Unselbständige zusammen 3.825,4942,324,6568,914,92.314,260,5607,815,9822,721,52.394,962,6
Selbständige und Mithelfende zus.529,6238,145,058,211,0233,344,0234,844,397,818,5196,937,2
Tabelle 4: Erwerbstätige nach Arbeit unter Zeitdruck und erwerbsstatistischen Merkmalen
MerkmaleErwerbstätige insgesamtArbeit unter Zeitdruck
immer/häufigmanchmalselten/nie
in 1.000in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %
Insgesamt4.355,01.764,640,51.800,141,3790,318,1
Männer2.313,2981,442,4974,342,1357,515,5
Frauen2.041,8783,338,4825,840,4432,821,2
Ausgewählte Wirtschaftszweige (ÖNACE 08)
F Bau356,5151,242,4150,742,354,615,3
G Handel630,3256,840,7255,140,5118,418,8
H Verkehr220,9102,246,383,837,934,915,8
I Beherbergung und Gastronomie271,5143,953,095,135,032,612,0
Q Gesundheits- und Sozialwesen460,2217,447,2158,234,484,518,4

Rückfragen zum Thema beantworten in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria:  
Mag. Katrin BAUMGARTNER, Tel.: +43 1 71128-7211 bzw. katrin.baumgartner@statistik.gv.at und  
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