Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung

Im Jahr 2019 ist in Österreich von rund 1.472.000 Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten nach Definition der Europa 2020-Strategie auszugehen, das entspricht 16,9% der Gesamtbevölkerung. Sie sind entweder armutsgefährdet oder erheblich materiell depriviert oder leben in einem Haushalt mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität.

303.000 Kinder und Jugendliche, sowie 653.000 Frauen und 517.000 Männer ab 18 Jahren sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet

Laut EU-SILC 2019 sind 303.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie 653.000 Frauen und 517.000 Männer ab 18 Jahren von Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung betroffen. 21% aller Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten sind unter 18 Jahre alt. Das Risiko von Kindern und Jugendlichen für Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung beträgt 19% und liegt damit leicht über dem der Gesamtbevölkerung (16,9%). Frauen ab 18 Jahren sind mit einer Risikoquote von 18% häufiger armuts- oder ausgrenzungsgefährdet als Männer (15%). Jedoch ist zu beachten, dass Geschlechterunterschiede durch die Betrachtung der Haushaltssituation nur eingeschränkt erkennbar sind und per Definition wegfallen, sobald Frauen und Männer gemeinsam leben. Bei alleinlebenden Personen (ohne Pensionsbezug) ist die Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdungsquote deutlich höher als im Durchschnitt – für Männer 29%, für Frauen 34%. Ein-Eltern-Haushalte – dies sind vorwiegend alleinerziehende Frauen mit ihren Kindern – verzeichnen mit einer Quote von 46% die höchste Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung der betrachteten Haushaltstypen.

Armutsgefährdung von Frauen und Männern unterschiedlich hoch

Während der Europa-2020-Indikator „Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung“ die drei Problemlagen Einkommensarmut, erhebliche materielle Einschränkungen oder geringe Erwerbseinbindung gleichzeitig betrachtet (mind. eines davon muss zutreffen, um als „armuts- oder ausgrenzungsgefährdet“ zu gelten), betrifft Armutsgefährdung jene Teilgruppe, die ein Haushaltseinkommen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle aufweist. Bezogen auf die Haushaltseinkommen sind in Österreich 13,3% der Bevölkerung armutsgefährdet, das entspricht 1.161.000 Personen. Geschlechtsspezifische Unterschiede können auch hier nicht bzw. nur unzureichend dargestellt werden. Der Unterschied zwischen Männern ab 18 Jahren (12%) und Frauen ab 18 Jahren (14%) ist relativ gering. Grund dafür ist, dass die Armutsgefährdungsquote anhand der Haushaltseinkommen berechnet wird: Alle Einkünfte im Haushalt werden zusammengerechnet und dann eine Gleichverteilung innerhalb des Haushaltes angenommen. Eine Differenz zwischen dem Armutsrisiko von Männern und Frauen kann daher nur für Einpersonenhaushalte beobachtet werden.

Alleinlebende Frauen, Ein-Eltern-Haushalte und Personen in kinderreichen Familien sind besonders armutsgefährdet

Mit 26% Armutsgefährdung liegen alleinlebende Pensionistinnen deutlich über der Risikoquote von alleinlebenden Pensionisten (14%). Dies erklärt sich zum Teil durch den hohen Anteil von Frauen beim Bezug einer Mindestpension, deren Richtsatz unter der Armutsgefährdungsschwelle liegt. Einpersonenhaushalte unterhalb des Pensionsalters sind insgesamt auch in stärkerem Ausmaß von Armutsgefährdung betroffen als die Bevölkerung im Durchschnitt, allerdings sind hier Unterschiede nach dem Geschlecht gering: Alleinlebende Frauen ohne Pension als Haupteinkommensquelle haben ein Armutsrisiko von 26%, alleinlebende Männer von 24%. Personen in Ein-Eltern-Haushalten (32%) oder in Mehrpersonenhaushalten mit mindestens drei Kindern (20%) haben die höchsten Armutsgefährdungsquoten unter den Haushalten mit Kindern (zum Vergleich: bei Mehrpersonenhaushalten mit einem Kind bzw. mit zwei Kindern liegt die Armutsgefährdung bei 9% bzw. 10%).

Deutliche Unterschiede sieht man auch je nach Geschlecht der hauptverdienenden Person im Haushalt: Rund 30% aller Personen in Österreich leben in Haushalten mit einer Frau als Hauptverdienerin; diese Gruppe umfasst alleinlebende Frauen, Ein-Eltern-Haushalte sowie Personen in Familien, in denen die Frau den größten Beitrag zum Haushaltseinkommen leistet. In solchen Haushalten liegt die Armutsgefährdungsquote bei 23%. Gibt es einen männlichen Hauptverdiener, beträgt sie hingegen unterdurchschnittliche 10%.

Nachteile auf dem Arbeitsmarkt und mangelnde Absicherung im Haushalt sind Ursachen für erhöhte Armutsgefährdung von Frauen

Es sind nicht nur Unterbrechungen im Berufsleben und geringere Arbeitszeiten, die Benachteiligungen von Frauen beim Erwerbseinkommen verursachen, sondern auch strukturelle Nachteile, wie die berufs- und branchenspezifische Segregation auf dem Arbeitsmarkt. Auch bei Pensionen und Ersatzleistungen für Arbeitslose sind Frauen auf Grund der engen Koppelung an Erwerbseinkommen wesentlich schlechter gestellt. Ein höheres Armutsrisiko existiert dort, wo ein Zusammenspiel von niedrigen individuellen Löhnen, Gehältern oder Pensionen und ökonomisch schlecht abgesicherten Haushaltsstrukturen festzustellen ist. Staatliche Rahmenbedingungen und Sozialleistungen können strukturelle Benachteiligungen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, sowie deren noch immer starke Abhängigkeit von der ökonomischen Absicherung über den Haushalt vielfach nicht auffangen – dies gilt insbesondere für Frauen in Ein-Eltern-Haushalten und für alleinlebende Frauen.

Geringere Erwerbseinbindung und mehr Betreuungspflichten für Frauen…

Betreuungspflichten und mangelnde außerfamiliäre Betreuungsangebote von Kindern sind vielfach Hinderungsgründe für die Aufnahme einer (Vollzeit-) Erwerbstätigkeit für Frauen. Während in Mehrpersonenhaushalten ohne Kinder 73% und mit einem Kind 65% der Frauen im Erwerbsalter erwerbstätig sind, gehen in Haushalten mit drei und mehr Kindern nur 50% der Frauen einer Erwerbstätigkeit nach. Die Schwierigkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist auch anhand der geringeren Erwerbsbeteiligung und v.a. geringerer Vollzeitquoten von Frauen mit jüngeren Kindern ersichtlich.

… bewirken höheres Armutsrisiko in Familien, besonders wenn die Frau nicht erwerbstätig ist

Die Erwerbspartizipation von Frauen ist ein entscheidendes Mittel, um Familien ein Einkommen über der Armutsgefährdungsschwelle zu ermöglichen. In allen betrachteten Haushaltsformen, mit Ausnahme der Ein-Eltern-Haushalte und Mehrpersonenhaushalte mit mindestens drei Kindern, liegt das Armutsrisiko deutlich unter dem Bevölkerungsdurchschnitt, wenn die Frauen erwerbstätig sind. Der finanzielle Beitrag, den Frauen zum Lebensstandard von Familien leisten, kann durch vermehrte Erwerbstätigkeit erhöht, das Armutsrisiko dadurch reduziert werden. Eine Entlastung im Bereich der familiären Pflege, Kinderbetreuung und Hausarbeit sowie die Beteiligung von Männern an diesen Aufgaben sind, neben familiengerechten Rahmenbedingungen in Unternehmen sowie bedarfsorientierter und qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung, Voraussetzung für die (Vollzeit-) Erwerbstätigkeit vieler Frauen. Unabhängig von der familiären Situation haben Frauen jedoch oft geringere Chancen auf Vollzeitbeschäftigung als Männer: Vor allem im Dienstleistungssektor ist niedrig entlohnte Teilzeiterwerbstätigkeit von Frauen weit verbreitet, Maßnahmen zur Erweiterung des Berufsspektrums von Frauen würden somit im weiteren Sinne ebenfalls zur Armutsreduktion beitragen.

Hohes Risiko für erhebliche materielle Deprivation ist vor allem in Ein-Eltern-Haushalten festzustellen

93.000 Frauen und 75.000 Männer ab 18 Jahren sowie 55.000 Kinder und Jugendliche (unter 18 Jahren) leben in Österreich in Haushalten mit erheblicher materieller Deprivation. Insgesamt sind 2,6% der Bevölkerung erheblichen materiellen Einschränkungen ausgesetzt. Jüngere Menschen und Personen in mittleren Altersgruppen sind stärker von erheblicher materieller Deprivation betroffen als ältere. Alleinlebende Männer (5%) und Frauen (6%) ohne Pensionsbezug sind öfter erheblich materiell depriviert als die Bevölkerung im Durchschnitt. Während Personen in Ein-Eltern-Haushalten (11%) deutlich stärker betroffen sind, geraten Mitglieder von Mehrpersonenhaushalten mit einem Kind (1%) seltener in eine erhebliche materielle Deprivationslage als der Durchschnitt der Bevölkerung. Mehrpersonenhaushalte mit zwei oder drei und mehr Kindern liegen mit je 3% etwa im Bevölkerungsdurchschnitt.

Mehr Frauen als Männer leben in Haushalten mit sehr geringer Erwerbsintensität

In Österreich leben 507.000 Personen unter 60 Jahren in einem Haushalt mit keiner oder sehr geringer Erwerbsintensität. Das sind 7,8% der unter 60-Jährigen. Von allen Personen in einem Haushalt mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität sind rund 120.000 unter 18 Jahre alt. In der Altersgruppe zwischen 18 und 59 Jahren leben 211.000 Frauen (9%) und 176.000 Männer (7%) in einem Haushalt mit keiner oder geringer Erwerbstätigkeit. Die Festlegung des Indikators auf die Erwerbsbeteiligung der 18 bis unter 60-Jährigen steht der Tatsache eines faktisch niedrigeren Pensionsantrittsalters in Österreich gegenüber. Daher ist die Aussagekraft des Indikators "keine oder niedrige Erwerbsintensität" in Österreich eingeschränkt – vor dem Hintergrund der Bestrebungen zur Anhebung des Pensionsantrittsalters und dessen Harmonisierung für Männer und Frauen dürfte er aber in den nächsten Jahren zunehmende Relevanz auch für ältere Erwerbstätige erlangen.

Methodische Erläuterungen: Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung – Definition und Zusammensetzung des Indikators für soziale Eingliederung gemäß „Europa 2020“-Sozialziel: 
Die Europäische Kommission hat sich in der Europa 2020-Strategie zum Ziel genommen, bis zum Jahr 2020 die Anzahl der von Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung betroffenen Menschen EU-weit um 20 Millionen zu reduzieren. In Österreich wird die Zahl der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten auf Basis von EU-SILC 2019 auf etwa 1.472.000 Menschen (16,9% der Bevölkerung) geschätzt. Als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet gelten Personen, die mindestens eines der drei folgenden Kriterien erfüllen: 
1) Als armutsgefährdet gelten Personen mit niedrigem Haushaltseinkommen. Die in der europäischen Sozialberichterstattung verwendete Armutsgefährdungsschwelle liegt bei 60% des Medians des äquivalisierten Jahresnettoeinkommens (=bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen) und beträgt laut EU-SILC 2019 in Österreich 15.437 Euro netto pro Jahr (= 1.286 Euro pro Monat, 12 Mal) für einen Einpersonenhaushalt.  
2) Als erheblich materiell depriviert gelten jene Haushalte, auf die zumindest vier der folgenden neun Merkmale zutreffen: Der Haushalt hat Zahlungsrückstände (bei Miete, Strom oder Kreditraten); der Haushalt kann keine unerwarteten Ausgaben tätigen; der Haushalt kann sich Heizen, ausgewogene Ernährung, Urlaub, PKW, Waschmaschine, TV, Festnetztelefon oder Handy nicht leisten.  
3) Als Haushalte mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität werden jene bezeichnet, in denen die Erwerbsintensität der Haushaltsmitglieder im Erwerbsalter (18-59 Jahre, ausgenommen Studierende) weniger als 20% des gesamten Erwerbspotentials beträgt. Dieser Indikator ist für Personen unter 60 Jahren ausgewiesen. 
Die Erhebung EU-SILC erfolgt auf Grundlage von europäischen Verordnungen sowie der Einkommens- und Lebensbedingungen-Statistikverordnung (ELStV) und verwendet seit 2012 Verwaltungsdaten zur Berechnung von Komponenten des Haushaltseinkommens sowie für die Hochrechnung. Seit Oktober 2014 ist auch eine vollständige Rückrechnung der Mikrodaten ab 2008 nach dieser Verwaltungsdatenmethodik verfügbar und es kann eine methodisch homogene Zeitreihe seit 2008 vorgelegt werden. Bei den angeführten Zahlen ist zu beachten, dass es sich um eine für Österreich repräsentative Stichprobenerhebung in Privathaushalten handelt. Die hochgerechneten Ergebnisse unterliegen Zufallsschwankungen; daher müssen Unterschiede zwischen Gruppen oder Jahren mit Rücksicht auf die Schwankungsbreite interpretiert werden. 
Weitere Informationen und Dokumentationen zu Methodik sowie Tabellen zu „Armut und sozialer Eingliederung“ bzw. EU-SILC sind unter folgendem Link verfügbar: Statistiken > Menschen und Gesellschaft > Soziales > Armut und soziale Eingliederung. Kurzgefasste Ergebnispublikationen mit Daten aus EU-SILC (u.a. zu Armut, Vererbung von Teilhabechancen, Subjektivem Wohlbefinden) sind auch in den Statistics Briefs erschienen. 
Das im Rahmen einer UNECE Konferenz im November 2018 präsentierte Arbeitspapier „What is the role of unequal sharing of resources within households?“ diskutiert Geschlechterunterschiede im Armutsrisiko innerhalb von Privathaushalten. Die europäisch vorgegebenen Definitionen von Indikatoren für Armut und Ausgrenzung können durch die Annahme einer gleichen Ressourcenverteilung im Haushalt das Ausmaß an Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verschleiern. Analysen des EU-SILC Moduls 2010 zur Einkommensungleichheit innerhalb des Haushalts belegen höhere Armutsgefährdungsquoten von in Paarhaushalten lebenden Frauen in Österreich, wenn die üblichen Annahmen gleicher Verteilung innerhalb des Haushalts aufgegeben und alternative Aufteilungen des Einkommens basierend auf den persönlichen Einkommen von Frauen und Männern im Haushalt modelliert werden.

Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung und die drei Zielgruppen der Europa 2020-Strategie nach Alter, Geschlecht und Haushaltstyp

Erwerbstätigkeit von Frauen und Armutsgefährdung bzw. erhebliche materielle Deprivation in Familien


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