Pressemitteilung: 9.868-014/11

EU-SILC 2009: Armutsgefährdung und manifeste Armut unverändert

Wien, 2010-01-20 – Die Armutsgefährdungsschwelle für Alleinlebende lag 2009 in Österreich bei 994 Euro pro Monat, wie Ergebnisse von Statistik Austria auf Grundlage von EU-SILC 2009 zeigen. Für jeden weiteren Erwachsenen im Haushalt erhöhte sich die Gefährdungsschwelle um 497 Euro, für jedes Kind um 298 Euro. Insgesamt waren im Berichtsjahr 2009 12% der Bevölkerung bzw. rund eine Million  Menschen armutsgefährdet. Etwa die Hälfte davon war gleichzeitig mit finanzieller Deprivation konfrontiert (488.000 Personen), somit lag die manifeste Armut (Kombination aus Armutsgefährdung und finanzieller Deprivation) wie im Jahr 2008 auch 2009 bei rund 6%.

Fast jede dritte Person in einem Ein-Eltern-Haushalt war von Armutsgefährdung betroffen (30%). Diese Gruppe trägt damit seit Jahren, gemeinsam mit den alleinlebenden Pensionistinnen (28%) und Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft (26%), das höchste Armutsrisiko. Bei Familien mit drei und mehr Kindern lebte jede fünfte Person in einem armutsgefährdeten Haushalt (20%).

Mittlere gewichtete Haushaltseinkommen stiegen durchschnittlich um 4,4%

Das Berichtsjahr EU-SILC 2009 erfasst die Jahreseinkommen 2008. Die Auswirkungen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Einkommenssituation sind daher in den Daten noch nicht berücksichtigt. Der mittlere Lebensstandard wird durch die gewichteten Nettohaushaltseinkommen erfasst, die im Einkommensjahr 2008 im Mittel bei 19.886 Euro pro Jahr lagen. Der durchschnittliche Anstieg des mittleren äquivalisierten Nettohaushaltseinkommens von 2007 auf 2008 betrug nominell 4,4%. Diese Steigerung kann auf die höhere Erwerbsquote und geringere Arbeitslosigkeit im Jahr 2008 sowie teilweise auf die 2008 erstmals ausbezahlte 13. Familienbeihilfe zurückgeführt werden.

12% der Bevölkerung in Österreich armutsgefährdet

In Österreich sind 12,0% der Bevölkerung armutsgefährdet. Unter Berücksichtigung der statistischen Schwankungsbreite ist von 900.000 bis 1.100.000 Betroffenen auszugehen. Als armutsgefährdet gelten Personen mit niedrigem Haushaltseinkommen, wobei Erwerbseinkommen ebenso eingerechnet werden wie die im Laufe eines Jahres erhaltenen Pensionen, Sozialleistungen oder Unterhaltszahlungen sowie Kapitaleinkünfte. Die Armutsgefährdungsschwelle liegt bei 60% des Medians des äquivalisierten Jahreseinkommens (=bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen). Sie beträgt laut EU-SILC 2009 11.932 Euro für einen Einpersonenhaushalt, umgerechnet auf Jahreszwölftel entspricht dies 994 Euro pro Monat. Das äquivalisierte Jahreseinkommen armutsgefährdeter Haushalte liegt im Mittel um 171 Euro pro Monat unter der Armutsgefährdungsschwelle, die Armutsgefährdungslücke beträgt damit 17%.

Ein-Eltern-Haushalte, alleinlebende Pensionistinnen und Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft am häufigsten betroffen

Betreuungsaufgaben und daraus resultierende geringe Verdienstmöglichkeiten machen Ein-Eltern-Haushalte laut EU-SILC 2009 zur am häufigsten von Armutsgefährdung betroffenen Gruppe (30%). Auch alleinlebende Frauen mit Pension haben ein sehr hohes Armutsrisiko (28%). Dieses erklärt sich durch den hohen Anteil an Frauen unter den Beziehenden einer Mindestpension, deren Richtsatz unter der Armutsgefährdungsschwelle liegt. Jeweils etwa ein Viertel der Personen ohne EU-Staatsbürgerschaft (26%) und der Eingebürgerten (25%) haben ein äquivalisiertes Haushaltseinkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle. Überdurchschnittlich hohe Armutsgefährdungsquoten haben laut EU-SILC 2009 auch Personen mit höchstens Pflichtschulabschluss (21%) und Personen in Mehrpersonenhaushalten mit mindestens drei Kindern (20%).

Erwerbstätigkeit ist der beste Schutz vor Armutsgefährdung

Vollzeiterwerbsarbeit und abgesicherte Anstellungsverhältnisse über das ganze Jahr entscheiden auch über den Lebensstandard von Kindern und Angehörigen im Haushalt. Personen zwischen 20 und 64 Jahren, die im Jahr 2008 das ganze Jahr über erwerbstätig waren, weisen mit 5% die niedrigste Armutsgefährdungsquote auf. Für ganzjährig Teilzeiterwerbstätige erhöht sich das Gefährdungsrisiko um zwei Prozentpunkte (7%). Für nicht ganzjährig erwerbstätige Personen verdreifacht sich die Armutsgefährdungsquote (16%). Dem höchsten Armutsrisiko sind Langzeitarbeitslose (mindestens sechs Monate arbeitslos) ausgesetzt (39%).

7% der Erwerbstätigen haben ein Haushaltseinkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle

Personen, denen trotz Ausübung einer Erwerbstätigkeit kein ausreichendes Haushaltseinkommen zur Verfügung steht, werden als "working poor" bezeichnet: Laut EU-SILC 2009 sind insgesamt 7% der Erwerbstätigen im Erwerbsalter armutsgefährdet, das entspricht rund 241.000 Personen, 135.000 Männern (7%) und 105.000 Frauen (6%). 74% der working poor befinden sich laut EU-SILC 2009 in einer prekären Beschäftigungsform: Sie waren im Einkommensjahr 2008 weniger als 10 Monate Teilzeit- oder Vollzeit beschäftigt, hatten einen Werk- oder freien Dienstvertrag, erhielten einen Stundenlohn von weniger als 5,77 Euro netto oder waren für weniger als zwölf Wochenstunden beschäftigt.

Detaillierte Ergebnisse und weitere Informationen finden Sie auf unserer Webseite.

Methodische Informationen, Definitionen:  
EU-SILC: EU-Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen (SILC steht für Statistics on Income and Living Conditions)  
Verfügbares Haushaltseinkommen
: Einkommen aus Erwerbsarbeit, Pensionen, Sozialtransfers, Transferleistungen zwischen Haushalten (z. B. Unterhaltszahlungen) und Kapitaleinkommen abzüglich Steuern und sonstiger Abgaben. Die Nettoeinkommen aller Personen im Haushalt werden über das ganze Jahr summiert. 
Äquivalisiertes Jahreseinkommen (bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen): gilt als Maßzahl für den Lebensstandard eines Haushaltes und wird nach der EU-Skala berechnet. Das insgesamt verfügbare Haushaltseinkommen wird dabei durch die Summe der Äquivalenzgewichte im Haushalt dividiert. Jede erwachsene Person wird mit dem Wert 0,5 und Kinder unter 14 Jahren mit 0,3 gewichtet. Zusätzlich wird ein Wert von 0,5 für den Grundbedarf jedes Haushalts hinzugezählt. 
Armutsgefährdung: Alle Personen, deren jährliches Äquivalenzeinkommen (gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen) unterhalb eines festgelegten Schwellenwertes (60% des Medians = Armutsgefährdungsschwelle) liegt, gelten nach europäischer Definition als armutsgefährdet. Lt. EU-SILC 2009 beträgt die Armutsgefährdungsschwelle für einen Einpersonenhaushalt 11.932 Euro pro Jahr (994 Euro pro Monat, zwölfmal). 
Armutsgefährdungslücke: Maß für die Intensität der Armutsgefährdung, definiert als durchschnittliche Abweichung des medianen Äquivalenzeinkommens der Armutsgefährdeten von der Armutsgefährdungsschwelle in Prozent dieser Schwelle. 
Working poor: In EU-SILC sind jene armutsgefährdeten Personen im Erwerbsalter (20–64 Jahre) als "working poor" definiert, die im Verlauf des Referenzjahres zumindest ein Monat Vollzeit- oder Teilzeit erwerbstätig waren. Nicht berücksichtigt werden Personen, die im Einkommensreferenzjahr 2008 mehr als sechs Monate arbeitslos waren. 
Manifeste Armut: Alle armutsgefährdeten Personen, die zusätzlich finanziell depriviert sind, das heißt sich zwei oder mehr der folgenden Dinge nicht leisten können: 
- Die Wohnung angemessen warm zu halten  
- Regelmäßige Zahlungen (Miete, Betriebskosten) rechtzeitig zu begleichen 
- Notwendige Arzt- oder Zahnarztbesuche in Anspruch zu nehmen 
- Unerwartete Ausgaben (z. B. für Reparaturen) von 900 Euro zu finanzieren 
- Neue Kleidung zu kaufen  
- Jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine vergleichbare vegetarische Speise zu essen 
- Freunde oder Verwandte einmal im Monat zum Essen einzuladen.

Rückfragen zum Thema beantworten in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria:  
Mag.a Ursula Till-Tentschert, Tel.: +43 (1) 71128-7306 bzw. ursula.till-tentschert@statistik.gv.at und  
Mag.a Nadja Lamei, Tel.: +43 (1) 71128-7336 bzw. nadja.lamei@statistik.gv.at

Tabelle: Armutsgefährdung nach Haupttätigkeit von Personen im Erwerbsalter
 Gesamt 
in 1.000
Armutsgefährdung
in 1.000Quote in %Anteil in %
Insgesamt 5.02854311100
Ganzjährig erwerbstätig 3.220163530
  davon Vollzeit4.039.000 
Erwerbsaktive
2.587117522
  davon Teilzeit6334678
Nicht ganzjährig erwerbstätig482781614
Arbeitslos (>= 6 Monate)3371313924
Ganzjährig nicht erwerbsaktiv 9891721732
  davon in Pension989.000 
nicht Erwerbsaktive
524661312
  davon in Ausbildung258542110
  davon im Haushalt14026195
  davon aus gesundheitlichen od. sonst. Gründen nicht erwerbstätig6826385

 

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