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EU-SILC 2007: Armutsgefährdung am höchsten bei lang dauernder Arbeitslosigkeit

Wien, 2009-03-16 - Die Armutsgefährdungsschwelle für Alleinlebende betrug in Österreich 912 Euro pro Monat und erhöhte sich bei Mehrpersonenhaushalten um 456 Euro pro Erwachsenen bzw. um 274 Euro pro Kind. Insgesamt 12% der Bevölkerung waren, wie aus der heute von Statistik Austria veröffentlichten Studie "Einkommen, Armut und Lebensbedingungen - Ergebnisse aus EU-SILC 2007" hervorgeht, armutsgefährdet. Die Veränderung gegenüber dem Jahr davor liegt im Bereich der zufälligen Schwankungsbreite. Von den rund eine Million armutsgefährdeten Personen lebten rund 400.000 (bzw. 5% der Bevölkerung) in manifester Armut. Für diese Personen kamen zum niedrigen Einkommen mindestens zwei weitere finanzielle Einschränkungen hinzu. Die Betroffenheit steigt mit der Dauer von Arbeitslosigkeit. Von den ganzjährig Arbeitslosen hatten 52% ein Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle, rund 37% waren manifest arm. Bei Kindern und alleinlebenden Frauen lag die Armutsgefährdung generell über dem Durchschnitt. Die Studie basiert auf der jährlichen EU-SILC Erhebung, bei der im Jahr 2007 6.806 Haushalte befragt wurden.

200.000 Haushalte in ganz Europa machen bei EU-SILC mit

Jedes Jahr werden im Rahmen von EU-SILC (Statistics on Income and Living Conditions) mehr als 200.000 zufällig ausgewählte Privathaushalte in allen 27 EU-Staaten sowie Island, Norwegen, Türkei und der Schweiz zu ihrer Einkommens- und Lebenssituation befragt. Ziel dieser Statistik ist es, die Entwicklung der sozialen Lage in Europa kontinuierlich zu beobachten. International vergleichbare Indikatoren zur Armut bzw. der sozialen Eingliederung sollen soziale Aspekte der wirtschaftlichen Entwicklung messbar machen. In Österreich ist EU-SILC außerdem die einzige Quelle mit detaillierten Informationen über die Verteilung der Haushaltseinkommen und Grundlage der jährlichen Armutsberichterstattung. Detaillierte Ergebnisse aus der EU-SILC Erhebung im Jahr 2007 (6.806 befragte Haushalte) werden heute veröffentlicht. Gleichzeitig beginnt die neue Erhebungswelle von EU-SILC 2009, an der mehr als 8.000 Haushalte in ganz Österreich eingeladen sind, sich zu beteiligen.

Armutsgefährdungsschwelle liegt bei 912 Euro pro Monat

Die heute veröffentlichte Studie der Statistik Austria zu EU-SILC 2007 zeigt unter anderem, dass der Medianwert für das äquivalisierte Jahreseinkommen bei 18.242 Euro lag. Auf zwölf Monate gerechnet ergibt das ein medianes Monatseinkommen von 1.520 Euro pro Monat.

Als armutsgefährdet gelten Personen mit einem Haushaltseinkommen, das niedriger als 60% des Medianeinkommens ist: Diese Schwelle zur Armutsgefährdung lag bei 912 Euro netto pro Monat für einen Erwachsenen und erhöht sich für jeden weiteren Erwachsenen im Haushalt um 456 Euro und für jedes Kind um 274 Euro.

Besonders stark gefährdet: Kinder, Frauen und Haushalte ohne Arbeit

Laut EU-SILC 2007 lag die Zahl der Armutsgefährdeten in Österreich bei rund einer Million Menschen bzw. rund 12% der Bevölkerung. Die Veränderung gegenüber dem Jahr davor liegt im Bereich der zufälligen Schwankungsbreite. Die Armutsgefährdungsquote für Österreich lag deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 16%. Die angeführten Quoten berücksichtigen die Umverteilungswirkung von Pensionen und Sozialleistungen. Werden nur Erwerbseinkommen, Kapitalerträge und private Transferleistungen eingerechnet, nicht aber Pensionen und Sozialleistungen, so hatten fast 3,6 Millionen Menschen bzw. 43% der Bevölkerung ein Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle.

Nach Berücksichtigung von Sozialleistungen und Pensionen war die Gefährdung im Allgemeinen dann überdurchschnittlich, wenn mehr als zwei Kinder (19%) oder nur ein Elternteil (32%) im Haushalt leben. Menschen mit Behinderung (19%), Personen ohne weiterführenden Schulabschluss (20%) sowie allein lebende Frauen (25%) zählten ebenso wie Personen ohne EU Staatsbürgerschaft (28%) zu den am stärksten gefährdeten Gruppen.

Armutsgefährdung ist umso geringer, je besser das Erwerbspotential eines Haushalts ausgeschöpft werden kann. Etwa 3,5 Millionen Menschen bzw. rund 42% der Gesamtbevölkerung lebten laut EU-SILC 2007 in einem Haushalt, in dem alle Personen im Erwerbsalter überwiegend vollzeiterwerbstätig sind. 152.000 von diesen Personen sind trotz voller Erwerbsintensität im Haushalt gefährdet. Für diese Gruppe reduzierte sich die Armutsgefährdungsquote somit auf 4%. Rund 2,9 Millionen Menschen (35% der Bevölkerung) lebten in Alleinverdienerhaushalten oder Haushalten in denen nicht alle Personen vollzeiterwerbstätig sind. Zu dieser Gruppe zählen zum Beispiel Familien, in denen die Frau nicht- oder nur teilzeiterwerbstätig ist. Diese Personen mit teilweiser Erwerbsintensität im Haushalt hatten ein nahezu dreimal so hohes Armutsgefährdungsrisiko (14%) wie Personen in Haushalten mit voller Erwerbsintensität. Noch höher war die Armutsgefährdungsquote für Personen, in deren Haushalt niemand erwerbstätig (32%) oder keine Person im Erwerbsalter lebt (18%).

Armut besonders bei lang dauernder Arbeitslosigkeit sichtbar

Die Studie der Statistik Austria zeigt, dass es bei lange andauernder Arbeitslosigkeit besonders schwierig wird, grundlegende Bedürfnisse zu erfüllen. Rund 400.000 Personen der rund 1 Million Menschen unter der Armutsgefährdungsschwelle gelten als manifest arm. Sie können es sich zum Beispiel nicht leisten, die Wohnung zu heizen oder die Miete rechtzeitig zu bezahlen.

Von den im Laufe des ganzen Jahres erwerbstätigen Personen lebten laut EU-SILC 2007 rund 2% in manifester Armut. Für Personen, die ein oder mehrere Monate arbeitslos waren, wurde ein erheblich höheres Risiko für manifeste Armut berechnet (5%-10%). Noch höher war der Anteil der manifest Armen bei jenen, die während des ganzen Jahres oder länger arbeitslos waren (37% bzw. 65.000 Menschen).

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Tabelle 1: Armutsgefährdungsquoten in der Europäischen Union
StaatArmutsgefährdungsquote 
in %
Tschechien10
Niederlande10
Schweden11
Slowakei11
Slowenien12
Österreich12
Ungarn
12
Dänemark12
Finnland13
Frankreich13
Luxemburg14
Malta14
Deutschland15
Belgien15
Zypern16
Polen17
Irland18
Portugal18
Verein. Königreich19
Estland19
Litauen19
Rumänien19
Spanien20
Italien20
Griechenland20
Lettland21
EU-Durchschnitt
16

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Tabelle 2: Mindestlebensstandard in Österreich
man kann sich nicht leisten…GesamtNicht ArmutsgefährdeteArmutsgefährdete
in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %
...unerwartete Ausgaben zu tätigen2.353291.7072464765
...Freunde zum Essen einzuladen82910581824825
...jeden 2. Tag Fleisch, Fisch oder eine vegetarische Speise 6858446623924
...neue Kleider zu kaufen 5687353521522
...Zahlungen rechtzeitig zu begleichen 328423339510
...die Wohnung angemessen warm zu halten 21431252899
...notwendigen Arztbesuch19921422586
2 oder mehr dieser Grundbedürfnisse1.234158361239840

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Tabelle 3: Armutsgefährdung und manifeste Armut nach Erwerbsintensität im Haushalt
Personen in Haushalten mit…ohne Sozialleistungen1) armutsgefährdet Armutsgefährdet2)manifest arm3)
in 1.000in %in 1.000in %In 1.000in %
…voller Erwerbstätigkeit4)454131525271
…teilweiser Erwerbstätigkeit1.33946392141335
…keiner erwerbstätigen Person 814972653216820
…keiner Person im Erwerbsalter 9629817918707
Insgesamt3.56943989123985

till_armutsgefährdung_arbeitslosigkeit

Tabelle 4: Armutsgefährdung und manifeste Armut nach Dauer der Arbeitslosigkeit
 ohne Sozialleistungen armutsgefährdet 1)Armutsgefährdet2)manifest arm3)
in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %
erwerbstätig4)556172227662
1-5 Monate arbeitslos101372710145
6-11 Monate arbeitslos7372424(10)10
Ganzjährig arbeitslos1599190526537
Methodische Informationen, Definitionen:
Verfügbares Haushaltseinkommen: Einkommen aus Erwerbsarbeit, Pensionen, Sozialtransfers, Transferleistungen zwischen Haushalten (z.B. Unterhaltszahlungen) und Kapitaleinkommen abzüglich Steuern und sonstiger Abgaben. Die Nettobeträge aller Personen im Haushalt werden über das ganze Jahr summiert.
Äquivalisiertes Einkommen (bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen) gilt als Maßzahl für den Lebensstandard eines Haushaltes und wird nach der EU-Skala berechnet. Das insgesamt verfügbare Haushaltseinkommen wird dabei durch die Summe der Äquivalenzgewichte im Haushalt dividiert. Jede erwachsene Person wird mit dem Wert 0,5 und Kinder unter 14 Jahren mit 0,3 gewichtet. Zusätzlich wird ein Wert von 0,5 für den Grundbedarf jedes Haushalts hinzugezählt.
Medianeinkommen: Jener Wert, der von 50% der Bevölkerung über- und 50%. unterschritten wird.
Armutsgefährdung: Alle Personen, deren jährliches Äquivalenzeinkommen (gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen) unterhalb eines festgelegten Schwellenwertes (60% des Medians = Armutsgefährdungsschwelle) liegt, gelten nach europäischer Definition als armutsgefährdet. Berechnet wird auch die Zahl jener Personen deren Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle liegt, wenn Sozialleistungen und Pensionen nicht berücksichtigt werden.
Manifeste (oder sichtbare) Armut: In einer manifesten Armutslage befinden sich alle armutsgefährdeten Personen, die angeben, sich zwei oder mehr der folgenden Dinge nicht leisten können:
- Die Wohnung angemessen warm zu halten
- Regelmäßige Zahlungen (Miete, Betriebskosten) rechtzeitig zu begleichen
- Notwendige Arzt- oder Zahnarztbesuche in Anspruch zu nehmen
- Unerwartete Ausgaben (z.B. für Reparaturen) zu finanzieren
- Neue Kleidung zu kaufen
- Jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine vergleichbare vegetarische Speise zu essen
- Freunde oder Verwandte einmal im Monat zum Essen einzuladen.
Gegenüber Vorjahren wurde die Definition in Hinblick auf solche Merkmale präzisiert, die durch eine bessere finanzielle Situation verändert werden können. Weiters wurden nur Merkmale ausgewählt die in einer eigens durchgeführten Befragung von der Mehrheit der als absolute Notwendigkeiten bewertet wurden. Umstrittene Merkmale wie zum Beispiel die Leistbarkeit eines DVD-Players wurden ausgeschieden. Gesundheitliche und wohnungsbezogene fließen ebenfalls nicht mehr in die Definition von manifester Armut ein, werden aber ausführlich in der Studie behandelt.
Erwerbstätigkeit: bei EU SILC wird für jedes Monat des Jahres nach der Haupttätigkeit nach eigener Einschätzung gefragt. Als erwerbstätig gelten hier Personen, die mindestens 1 Monat erwerbstätig waren. Berücksichtigt werden selbständige oder unselbständige bzw. Vollzeit- oder Teilzeiterwerbstätigkeiten im Laufe eines Jahres.
Erwerbsintensität: Berechnet wird das Verhältnis der im Laufe eines Jahres gearbeiteten Vollzeiterwerbsmonate zur maximaler Zahl der Erwerbsmonate im Haushalt. Dazu wird die Zahl der Personen im Erwerbsalter (20-64) mit 12 multipliziert. Volle Erwerbsintensität erreicht ein Haushalt nur dann, wenn die Haushaltsmitglieder im Erwerbsalter mindestens 75% der maximalen Erwerbsmonate gearbeitet haben. Monate in denen jemand teilzeitbeschäftigt war, gelten als halbe Erwerbsmonate. Teilweise Erwerbsintensität bezieht sich auf Personen in Haushalten mit einer Erwerbsintensität von weniger als 75%. Personen in Haushalten ohne Erwerbstätigkeit bzw. Personen in Haushalten, deren Mitglieder alle älter als 64 Jahre (oder jünger als 20 Jahre) sind, werden gesondert ausgewiesen.

Rückfragen zum Thema beantwortet in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria:  
Mag. Matthias Till, Tel. (01) 71128-7106 bzw. matthias.till@statistik.gv.at

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