Pressemitteilung: 11.168-228/15

Arbeitsmarktsituation von Migrantinnen und Migranten 2014: Knapp ein Viertel fühlt sich überqualifiziert

Wien, 2015-11-30 – Knapp ein Viertel (23,5%) der im Ausland geborenen Personen fühlt sich für ihre gegenwärtige berufliche Tätigkeit überqualifiziert. Dies zeigt die von Statistik Austria veröffentlichte Studie "Arbeitsmarktsituation von Migrantinnen und Migranten in Österreich" für das Jahr 2014. Unter den in Österreich geborenen Personen fühlten sich hingegen nur 8,8% überqualifiziert.

Bezogen auf alle Erwerbstätigen gaben 11,4% (460.400 Personen) an, für ihre aktuelle berufliche Tätigkeit überqualifiziert zu sein. Frauen nannten diesen Umstand häufiger als Männer (9,3%). Von den im Ausland geborenen Frauen waren ihren eigenen Angaben zufolge 28,0% überqualifiziert (Männer: 19,3%). Am häufigsten waren Personen aus den seit 2004 beigetretenen EU-Staaten von Überqualifizierung betroffen (30,2%; Frauen: 38,3%), gefolgt von Personen aus Drittstaaten (27,9%).

Migrantinnen und Migranten nutzen öfter persönliche Netzwerke

Persönliche Netzwerke spielen vor allem für im Ausland Geborene eine zentrale Rolle beim Zugang zum Arbeitsmarkt: 45,8% der im Ausland, aber nur 32,7% der in Österreich geborenen Personen fanden ihre derzeitige Stelle mit Hilfe von Bekannten oder Verwandten. Diese Methode der Arbeitssuche war insbesondere für Personen in niedrigeren beruflichen Positionen maßgeblich: Beinahe die Hälfte (49,1%) der Unselbständigen mit Hilfs- oder angelernter Tätigkeit fand auf diesem Weg ihren aktuellen Job. Direkt- oder Blindbewerbungen bei einem potenziellen Arbeitgeber nutzten dagegen in Österreich geborene Erwerbstätige wesentlich häufiger (23,5%) zur Arbeitssuche als im Ausland Geborene (13,5%).

Ein Viertel beantragte Anerkennung eines ausländischen Bildungsabschlusses

Drei Viertel (74,6%) der im Ausland geborenen Personen im Alter von 15 bis 64 Jahren hatten ihre höchste Ausbildung im Ausland abgeschlossen. Ein Viertel (24,0%) stellten einen Antrag auf Anerkennung ihrer im Ausland erworbenen formalen Qualifikationen. 82,2% dieser Anträge wurden positiv beschieden. Bezogen auf alle im Ausland Geborenen mit ausländischem Bildungsabschluss wurde die formale Ausbildung somit bei rund einem Fünftel (19,7%) in Österreich anerkannt.

Die Anerkennung im Ausland erworbener Bildungsabschlüsse geht mit einer stärkeren Arbeitsmarktbeteiligung einher: Wiesen im Ausland Geborene mit ausländischem Bildungsabschluss im Jahr 2014 insgesamt eine Erwerbstätigenquote von 63,3% auf, lag diese bei Personen mit anerkannter ausländischer Ausbildung bei 73,4%. Zugleich war für Personen mit anerkanntem Bildungsabschluss die Wahrscheinlichkeit geringer, einen Job auszuüben, für den sie überqualifiziert waren. So fühlten sich insgesamt 27,1% aller Personen mit ausländischem Bildungsabschluss überqualifiziert, während es von den Personen mit in Österreich anerkannter ausländischer Ausbildung nur 21,7% taten.

Geringere intergenerationale Bildungsmobilität bei Migrantinnen und Migranten

Bei einer Gegenüberstellung der höchsten abgeschlossenen Ausbildung von Mutter oder Vater mit jener ihrer Nachkommen im Alter von 25 bis 64 Jahren wiesen im Ausland geborene Personen eine geringere Bildungsmobilität auf als gebürtige Österreicherinnen und Österreicher. Hatten beide Elternteile lediglich einen Pflichtschulabschluss, so verfügten 22,5% der in Österreich geborenen Nachkommen ebenfalls über keine höhere formale Qualifikation, allerdings beinahe die Hälfte (49,2%) der im Ausland geborenen Kinder. Nur rund 6% der Nachkommen von Eltern mit höchstens Pflichtschulabschluss wiesen eine tertiäre Ausbildung auf, und zwar sowohl bei inländischem als auch ausländischem Geburtsland. Bei tertiärer Ausbildung von Mutter oder Vater hingegen verfügten fast sechs von zehn (58,8%) Nachkommen ebenfalls über einen Studienabschluss an einer Universität, Fachhochschule oder hochschulverwandten Lehranstalt, wobei im Ausland geborene Menschen sogar öfter die Bildung ihrer Eltern erreichten als im Inland Geborene (Geburtsland Österreich: 57,8%, Nicht-Österreich: 60,7%).

Zugewanderte brechen Ausbildung öfter aus finanziellen oder familiären Gründen ab

Etwa jede zehnte Person im Alter von 15 bis 34 Jahren (10,5% bzw. 145.100) brach eine formale Ausbildung ab. Beinahe vier von zehn (38,4% bzw. 55.800) Abbrüchen betrafen eine Lehrausbildung; knapp ein Drittel (30,5%) entfielen auf ein Studium an einer Universität, Fachhochschule oder hochschulverwandten Lehranstalt.

Als Gründe für den Abbruch bzw. die Nicht-Aufnahme einer weiteren Ausbildung nach der Pflichtschule nannten die Befragten – im Gesamtdurchschnitt – am häufigsten einen "Interessenwechsel" (23,8%) sowie Probleme in Schule, Studium oder Lehre (20,2%). Bei im Ausland geborenen 15- bis 34-Jährigen standen hingegen finanzielle Gründe (22,9%) im Vordergrund, gefolgt von familiären Verpflichtungen (20,1%) sowie anderen Interessen (20,2%).

Detaillierte Ergebnisse bzw. weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in der Publikation "Arbeitsmarktsituation von Migrantinnen und Migranten in Österreich 2014".

Methodische Informationen, Definitionen: Bei den hier präsentierten Ergebnissen zur Arbeitsmarktsituation von Migrantinnen und Migranten in Österreich handelt es sich um Daten aus dem Ad-hoc-Modul 2014 zur "Europäischen Arbeitskräfteerhebung", die in Österreich im Rahmen des Mikrozensus durchgeführt wurde. Der Mikrozensus ist eine Stichprobenerhebung in Haushalten. Im Rahmen dieses Moduls wurden 23.463 Personen befragt. Dabei wurden in standardisierter Form Informationen zur Arbeitsmarktsituation in Österreich in zufällig ausgewählten privaten Haushalten erhoben. Diese Daten wurden anschließend auf die jeweilige Bevölkerungszahl hochgerechnet.  
Das Ad-hoc-Modul 2014 basiert auf einer Vereinbarung des Europäischen Statistischen Systems (ESS-Agreement) sowie einer Verordnung des Bundesministers für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (BGBl. II Nr. 496/2013). Das Modul wurde in 24 Mitgliedsländern der EU durchgeführt.  
Zielgruppe des Ad-hoc-Moduls 2014: Grundsätzlich wurden alle Personen im Alter von 15 bis 64 Jahren befragt. Bei den einzelnen Themenblöcken gab es teilweise weitere Einschränkungen. So wurde beispielsweise der Abbruch einer formalen Ausbildung nur unter den 15- bis 34-Jährigen, die zum Zeitpunkt der Befragung nicht in einer formalen Ausbildung standen, jedoch nach der höchsten abgeschlossenen Ausbildung eine weitere Ausbildung begonnen hatten, erfragt. Die Zugangswege zur gegenwärtigen Arbeitsstelle wurden nur bei den 15- bis 64-jährigen unselbständig Erwerbstätigen erhoben, die seit längstens fünf Jahren ihre derzeitige berufliche Tätigkeit ausüben.  
Definition Überqualifizierung: Hier wurden die Befragten nach ihrer eigenen Einschätzung gefragt, ob ihre berufliche Tätigkeit ihren Qualifikationen entspricht und ob sie anspruchsvollere Tätigkeiten verrichten könnten. Berücksichtigt wurde die abgeschlossene höchste Ausbildung, wie auch im In- und Ausland erworbene Berufserfahrung.  
Als erwerbstätig gelten nach den hier angewandten internationalen Richtlinien Personen, die in der Referenzwoche mindestens eine Stunde gearbeitet haben, oder die wegen Urlaub, Krankheit usw. nicht gearbeitet haben, aber normalerweise einer Beschäftigung nachgehen (ILO-Konzept). Präsenz- und Zivildiener sind ausgeschlossen.  
Die Erwerbstätigenquote bezieht die Erwerbstätigen im Alter von 15 bis 64 Jahren auf die gleichaltrige Bevölkerung.  
Drittstaaten: Europäische Nicht-EU (ausgenommen Türkei und Ex-Jugoslawien) bzw. außereuropäische Staaten.

Rückfragen zum Thema beantwortet in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria:  
Mag. Beatrix WIEDENHOFER-GALIK, Tel.: +43 (1) 71128-8287 bzw. beatrix.wiedenhofer-galik@statistik.gv.at

 

Tabelle 1: Überqualifizierung von Erwerbstätigen nach Geburtsland
MerkmaleErwerbstätige (15 bis 64 Jahre) insgesamt Darunter: 
überqualifiziert für gegenwärtige berufliche Tätigkeit
in 1.000in 1.000in %
Insgesamt4.034,4460,411,4
Geburtsland
Österreich3.315,1291,68,8
Nicht-Österreich zusammen719,4168,823,5
EU28 zus. (ohne Österreich)330,379,824,2
EU15 (ohne Österreich)144,523,616,3
EU-Beitrittsländer ab 2004185,856,230,2
Ehem. Jugoslawien (ohne Slowenien, Kroatien)191,744,223,0
Türkei73,710,314,0
Andere123,634,527,9
Tabelle 2: Zugang zum Arbeitsmarkt der unselbständig Erwerbstätigen nach Geburtsland
MerkmaleUnselbständig Erwerbstätige (15 bis 64 Jahre) insgesamt1)Derzeitige berufliche Tätigkeit gefunden durch …
Stellenanzeige in Zeitung, InternetVerwandte, Freunde, BekannteArbeitsamt (AMS)2)Bildungseinrichtung
Direkte Kontaktaufnahme Anderes
bei Arbeitgeber, Blindbewerbungdurch den Arbeitgeber
in 1.000in 1.000
Insgesamt
1.704,8375,2610,0136,745,7360,0143,733,5
Geburtsland
   Österreich1.300,0286,5424,898,037,6305,4123,124,6
   Nicht-Österreich 404,888,7185,238,7(8,1)54,620,7(8,9)
Tabelle 3: Im Ausland Geborene nach Anerkennung im Ausland abgeschlossener Ausbildung
MerkmaleIm Ausland Geborene (15 bis 64 Jahre) insgesamt Darunter: 
Höchste Ausbildung im Ausland abgeschlossen
Antrag auf Anerkennung der Ausbildung gestellt
JaNein
insgesamtAusbildung
anerkanntnicht anerkannt bzw. laufendes Verfahren
in 1.000in 1.000in %in 1.000in %1)in 1.000in %1)in 1.000in %1) in 1.000
Insgesamt1.108,6827,274,6198,324,0163,019,735,24,3628,9
  
Tabelle 4: Bevölkerung nach höchster abgeschlossener Ausbildung, Geburtsland und Ausbildung der Eltern
MerkmaleBevölkerung (25 bis 64 Jahre) insgesamtHöchste abgeschlossene Ausbildung der Eltern
PflichtschuleLehre, BMSHöhere Schule (AHS, BHS)Universität, FH, hochschul-verwandte Lehranstalt
in 1.000in 1.000
Insgesamt
4.699,61.460,52.424,9373,3440,9
Höchste abgeschlossene Ausbildung     
   Pflichtschule697,2444,9218,220,213,8
   Lehre, BMS2.501,7804,61.542,794,959,6
   Höhere Schule (AHS, BHS)731,2120,5375,2127,4108,1
   Universität, FH, hochschulverwandte Lehranstalt769,590,5288,8130,8259,3
Höchste abgeschl. Ausbildung – Geburtsland Österreich3.712,61.023,12.133,7273,5282,3
   Pflichtschule426,7229,9178,313,4(5,1)
   Lehre, BMS2.160,4659,91.388,368,843,4
   Höhere Schule (AHS, BHS)553,372,1317,293,370,8
   Universität, FH, hochschulverwandte Lehranstalt572,161,1250,098,0163,0
Höchste abgeschl. Ausbildung – Geburtsland Nicht-Österreich987,0437,4291,299,9158,6
   Pflichtschule270,5215,039,9(6,8)(8,8)
   Lehre, BMS341,3144,6154,426,116,2
   Höhere Schule (AHS, BHS)177,948,458,034,137,3
   Universität, FH, hochschulverwandte Lehranstalt197,329,438,832,896,3
Tabelle 5: Bevölkerung nach Beginn und Abbruch einer weiteren Ausbildung und Geburtsland
MerkmaleBevölkerung (15 bis 34 Jahre), nicht in Ausbildungdavon: weitere Ausbildung (nach der höchsten abgeschlossenen) begonnen
zusammendarunter: abgebrochen (Drop-out)
in 1.000in 1.000in %1)in 1.000in %1)
Insgesamt1.386,5211,815,3145,110,5
Geburtsland
Österreich1.068,0170,215,9113,410,6
Nicht-Österreich
318,541,613,131,710,0

 

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