Pressemitteilung: 12.247-087/20

1.472.000 Menschen in Österreich waren 2019 armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, davon 303.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren

Wien, 2020-05-28 – Im Jahr 2019 waren laut Statistik Austria 1.472.000 Menschen oder 16,9% der Bevölkerung in Österreich armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Einkommensarmut, erhebliche materielle Einschränkungen oder geringe Erwerbseinbindung sind nach der Definition des EU-Sozialziels Merkmale dieser Gruppe. Gegenüber dem Vorjahr zeigt sich nur eine geringe, statistisch nicht bedeutsame Verringerung ihrer Zahl (2018: 17,5% bzw. 1.512.000 Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdete). Längerfristig kann jedoch aus der Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen (European Union Statistics on Income and Living Conditions, EU-SILC) eine Reduktion der von Armut oder sozialer Ausgrenzung Betroffenen um 227.000 Personen seit 2008 abgelesen werden.

Auch 303.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren lebten 2019 in Haushalten mit Ausgrenzungsgefährdung. Sie waren dadurch in vielen Bereichen von sozialer Teilhabe ausgeschlossen. Wie Daten des EU-SILC-Sondermoduls 2019 zeigen, gibt es vor allem im Bereich der Bildung auch Übertragungseffekte zwischen den Generationen: Rund jede vierte Person (27%) aus einer formal bildungsfernen Familie (Eltern mit höchstens Pflichtschulbildung) hat später selbst nur eine Pflichtschule absolviert und damit eine höhere Wahrscheinlichkeit für geringes Einkommen und mangelnde Teilhabechancen. Dem gegenüber beträgt die Pflichtschulquote nur 6%, wenn zumindest ein Elternteil einen höheren Abschluss erreicht hat. Das Risiko, Armut und soziale Ausgrenzung zu erfahren, ist für Personen aus bildungsfernen Familien um das 1,4-fache höher als für alle übrigen.

227.000 armuts- oder ausgrenzungsgefährdete Personen weniger als 2008

Die Europa-2020-Strategie formuliert als Kernziel im Sozialbereich, die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffenen oder bedrohten Menschen bis zum Jahr 2020 EU-weit um mindestens 20 Millionen Personen zu senken. Das entsprechende österreichische Ziel der Armutsreduktion um 235.000 Personen innerhalb von zehn Jahren wurde mit einem Jahr Verspätung annähernd erreicht: Der errechnete Rückgang der Zahl der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten in Österreich von 1.699.000 (20,6%) im Jahr 2008 auf 1.472.000 (16,9%) im Jahr 2019 belief sich insgesamt auf 227.000 Personen.

Bisher wurde keine Nachfolgestrategie durch die Europäische Kommission präsentiert, weshalb weiterhin der nach EU-Definition gemessene Indikator "Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung" als zentrale Kennzahl für Armut herangezogen wird. Er wird anhand von Daten aus EU-SILC 2019 ermittelt (siehe Tabelle 1):

  • 13,3 % bzw. 1.161.000 Personen waren armutsgefährdet,
  • 2,6% bzw. 223.000 Personen waren erheblich materiell benachteiligt und
  • 7,8% bzw. 507.000 Personen (unter 60-Jährige) lebten in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität.

Da diese Merkmale in Kombination auftreten können, ist die Zahl der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten geringer als die Summe der drei Einzelindikatoren. 372.000 Personen waren in mindestens zwei der drei Armuts- oder Ausgrenzungsdimensionen benachteiligt (4,3 % der österreichischen Gesamtbevölkerung). 47.000 Personen waren in allen drei Dimensionen benachteiligt.

Soziale Ausgrenzung bedeutet für Kinder und Jugendliche mangelnde Lebenschancen

Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren machten im Jahr 2019 etwas mehr als ein Fünftel (21% bzw. 303.000 Personen) aller Armuts- und Ausgrenzungsgefährdeten aus. Das Risiko sozialer Ausgrenzung lag für diese Altersgruppe mit 19% über dem der Gesamtbevölkerung (siehe Tabelle 2). Die Erwerbsbeteiligung der Eltern ist ein Schlüsselfaktor dafür, welche Lebenschancen Kinder vorfinden. Wie EU-SILC 2019-Daten zeigen, gelten 60% der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren, in deren Haushalten eine Person langzeitarbeitslos ist, als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Auch wenn Sozialleistungen die hauptsächliche Einkommensquelle darstellen (83% Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung für unter 18-Jährige), oder eine Person im Erwerbsalter eine Behinderung aufweist (34%), ist eine erhöhte Armutsbetroffenheit bei Kinder und Jugendlichen festzustellen.

Das Aufwachsen in einem Haushalt mit geringem Einkommen oder Erwerbslosigkeit ist oft mit mangelnder sozialer Teilhabe für diese Kinder und Jugendlichen verbunden (siehe Tabelle 3): Für Kinder bis 15 Jahren aus armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten Haushalten ist es häufiger nicht leistbar, Freunde zum Spielen oder Essen einzuladen (8% gegenüber 2% in Haushalten ohne Ausgrenzungsgefährdung). Andere Freizeitaktivitäten wie Sport- oder Musikkurse, die mit Kosten verbunden sind, können ebenfalls seltener in Anspruch genommen werden: 22% der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten können sich das für ihre Kinder nicht leisten (gegenüber 3% ohne Ausgrenzungsgefährdung). Aus finanziellen Gründen keinen PC im Haushalt haben 36% aller unter 18-jährigen Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten, aber nur 10% aller anderen Jugendlichen.

EU-SILC-Modul 2019: Sowohl Bildung als auch ökonomischer Status werden vielfach "vererbt"

Das Sondermodul zur Erhebung EU-SILC 2019 hat sich schwerpunktmäßig der Frage gewidmet, inwiefern Benachteiligungen, die bereits im Elternhaushalt vorliegen, auf die nächste Generation übertragen werden. Die ökonomische Situation des Elternhaushalts bestimmt die aktuellen Lebensbedingungen der Kinder, aber auch ihre Zukunftschancen. 41% aller 10- bis 14-Jährigen aus nicht-ausgrenzungsgefährdeten Haushalten besuchen eine AHS-Unterstufe, hingegen nur 23% aus armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten Haushalten. Der Besuch einer Hauptschule oder NMS ist für Jugendliche aus Haushalten mit Armutsbetroffenheit wesentlich wahrscheinlicher (in Summe 76%) als für jene ohne Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung (57%). Regionale Unterschiede bei der Schulwahl sind zwar zu berücksichtigen, können das eindeutige Bild der frühen sozialen Selektion jedoch nicht aufheben.

Bildungschancen werden nicht nur durch das Einkommen der Eltern, sondern auch durch deren Bildungshintergrund bestimmt. Bei Erwachsenen zwischen 25 und 59 Jahren sieht man einen deutlichen Zusammenhang zwischen ihrem aktuellen Bildungsstand und dem Bildungsstand ihrer Eltern, als sie selbst 14 Jahre alt waren (siehe Tabelle 4): Hatten die Eltern damals höchstens Pflichtschulbildung, erreichen die Kinder zu 27% auch selbst nur einen Pflichtschulabschluss, 7% absolvieren ein Studium. Bei Eltern mit weiterführender Bildung haben umgekehrt 6% der Kinder einen Pflichtschul- und 28% einen Studienabschluss.

Auf den aktuellen Lebensstandard hat das Bildungsniveau der Eltern ebenso Einfluss: Es ergibt sich ein Armuts- und Ausgrenzungsrisiko von 21% für Personen aus bildungsfernen Elternhäusern (Eltern mit maximal Pflichtschulabschluss) gegenüber 15% für Erwachsene mit Eltern, die einen weiterführenden Abschluss erreicht haben. Bedingungen wie eigene Erwerbstätigkeit und Qualifikation usw. dürfen dabei als erklärende Faktoren natürlich nicht außer Acht gelassen werden – dass diese ihrerseits in Abhängigkeit von sozialen Herkunftsfaktoren stehen, legen die Daten jedoch zumindest für die Bildung nahe.

Detaillierte Ergebnisse bzw. weitere Informationen zum Thema finden Sie auf unserer Webseite sowie in den FAQs zum Thema Armut und soziale Eingliederung (PDF, ca. 350 KB).

 

Informationen zur Methodik, Definitionen:  
EU-SILC: EU-Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen (European Union Statistics on Income and Living Conditions). EU-SILC sammelt seit 2003 jährlich Informationen über die Lebensbedingungen der Menschen in Privathaushalten in der Europäischen Union. Für Österreich führt Statistik Austria dieses Projekt durch, bei dem pro Jahr rund 6.000 österreichische Haushalte befragt werden. 
Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung, Europa-2020-Sozialzielgruppe = Armutsgefährdung ODER geringe Erwerbsbeteiligung ODER materielle Deprivation: Die soziale Eingliederung soll in der Europäischen Union bis 2020 insbesondere durch Verminderung von Armut gefördert werden, wobei angestrebt wurde, mindestens 20 Millionen Menschen aus Gefährdungslagen zu bringen (Ausgangswert 2008: rund 120 Millionen). Die Zielgruppe umfasst Personen, auf die mindestens eines der drei folgenden Kriterien zutrifft: Armutsgefährdung oder keine/sehr niedrige Erwerbsintensität im Haushalt oder erhebliche materielle Deprivation. Die österreichische Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Zahl der in Österreich in diesem Sinne Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten um mindestens 235.000 Personen bis zum Jahr 2020 zu verringern. Bisher ist keine Nachfolgestrategie zur Armutsreduktion von Seiten der Europäischen Kommission vorgelegt worden, weshalb weiterhin der Indikator Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung als zentrale Kennzahl herangezogen wird. 
Armutsgefährdung meint ein im Verhältnis zur Mitte der Bevölkerung geringes Haushaltseinkommen: Als armutsgefährdet gelten in der EU jene Haushalte, deren äquivalisiertes (=bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-) Nettohaushaltseinkommen unter 60% des Medians aller äquivalisierten Nettohaushaltseinkommen des Landes liegt. Das war in Österreich laut EU-SILC 2019 ein Betrag von 1.286 Euro pro Monat für Alleinlebende, plus 643 Euro pro Monat für jeden weiteren Erwachsenen im Haushalt und 386 Euro pro Monat für jedes Kind unter 14 Jahren. 
Personen in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität: Ein Haushalt mit geringer Erwerbsintensität schöpft weniger als 20% seines Erwerbspotenzials aus – berechnet auf Grundlage aller 18- bis 59-jährigen Personen im Haushalt (ohne Studierende). 
Europäischer Mindestlebensstandard: Erhebliche materielle Deprivation wird bei Zustimmung zu mindestens vier von neun Aussagen über die Leistbarkeit von Gütern/Bedürfnissen für den Haushalt festgelegt. Der Haushalt kann sich Folgendes nicht leisten:  
- regelmäßige Zahlungen in den letzten zwölf Monaten rechtzeitig zu begleichen (Miete, Betriebskosten, Kreditrückzahlungen, Wohnnebenkosten, Gebühren für Wasser, Müllabfuhr und Kanal, sonstige Rückzahlungsverpflichtungen); 
- unerwartete Ausgaben bis zu 1.240 Euro zu finanzieren; 
- die Wohnung angemessen warm zu halten; 
- jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch (oder entsprechende vegetarische Speisen) zu essen; 
- einmal im Jahr eine Woche auf Urlaub zu fahren; 
- einen Pkw; 
- eine Waschmaschine; 
- ein Fernsehgerät; 
- ein Festnetztelefon oder Handy. 
EU-SILC-Sondermodul 2019 zu „intergenerationaler Übertragung von Benachteiligungen“
: Es geht darin um die Vererbung von Teilhabechancen bzw. die Weitergabe von Bildungs-, Einkommens- und Erwerbschancen von Eltern an ihre Kinder. Dazu wurden alle 25- bis 59-Jährigen (Jahrgang 1960–1994) befragt. Referenzzeitpunkt für die Fragen ist immer der Zeitpunkt, an dem die Befragten selbst 14 Jahre alt waren.

 

Tabelle 1: Teilgruppen der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung in Österreich 2008, 2018 und 2019
Soziale Eingliederungsindikatoren der Europa 2020-Strategie20081)20182019
in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %
Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung (in mind. 1 von 3 Bereichen)1.69920,61.51217,51.47216,9
Armutsgefährdung1.25215,21.23814,31.16113,3
Haushalte mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität2)4757,44807,35077,8
Erhebliche materielle Deprivation4855,92432,82232,6
Einfach-/Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdung      
Einfach-Ausgrenzungsgefährdet (in ausschließlich einem Bereich)1.28815,61.14513,21.10012,6
Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdet (in mind. 2 von 3 Bereichen)4115,03674,23724,3
Tabelle 2: Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung nach Alter und Geschlecht sowie Risikogruppen für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren
BevölkerungsgruppenPersonen gesamt (=100%) in 1.000Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung
in 1.000Risiko in %
Bevölkerung gesamt8.7061.47217
Männer ab 18 Jahren3.99351715
Frauen ab 18 Jahren3.65865318
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre1.55630319
    Davon in Haushalten mit Langzeitarbeitslosigkeit (>=12 Monate) 1)1277660
    Davon in Haushalten mit Haupteinkommensquelle Sozialleistungen1) 2)13110983
    Davon in Haushalten mit Behinderung bei Person im Erwerbsalter1)1234234
Tabelle 3: Soziale Teilhabe für Kinder und Jugendliche nach Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung
Finanziell bedingte Einschränkungen in %Haushalt ist…
armuts- oder ausgrenzungsgefährdetnicht armuts- oder ausgrenzungsgefährdet
Nicht-Leistbarkeit sozialer Teilhabe für Kinder und Jugendliche  
Freunde zum Spielen oder Essen einladen nicht leistbar1)82
Regelmäßiges Ausüben von mit Kosten verbundenen Freizeitaktivitäten nicht leistbar1)223
Kein PC im Haushalt leistbar2)3610

 

Tabelle 4: Bildung und Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung 25- bis 59-Jähriger nach Bildung der Eltern
Merkmale der 25- bis 59-Jährigen in %Höchster Bildungsabschluss der Eltern1)
Max. PflichtschuleWeiterführende Bildung2)
Höchster Bildungsabschluss  
Max. Pflichtschule276
Lehre/mittlere Schule5546
Matura1220
Universität, Fachhochschule728
Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung2115

Rückfragen zum Thema beantworten in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria:  
Mag. Nadja LAMEI, Tel.: +43 (1) 71128-7336 bzw. nadja.lamei@statistik.gv.at und  
Mag. Richard HEUBERGER, Tel.: +43 (1) 71128-8285 bzw. richard.heuberger@statistik.gv.at

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