Pressemitteilung: 11.257-068/16

Armut und soziale Ausgrenzung 2015: mehr als 1,5 Millionen Menschen in Österreich betroffen

Wien, 2016-04-141.551.000 Menschen oder 18,3% der Bevölkerung galten in Österreich 2015 laut Statistik Austria als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Sie hatten ein niedriges Haushaltseinkommen, mussten erhebliche Einschränkungen in zentralen Lebensbereichen hinnehmen oder lebten in Haushalten mit geringer Erwerbsbeteiligung. Wie die aktuelle EU-Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC) zeigt, war ein Viertel der Betroffenen (385.000 Personen) mit mehr als einer dieser drei Gefährdungslagen gleichzeitig konfrontiert. Insgesamt reduzierte sich die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung Betroffenen in Österreich seit 2008. Dennoch besteht für bestimmte Bevölkerungsgruppen nach wie vor ein hohes Risiko für soziale Benachteiligung. Dazu zählen etwa Ein-Eltern-Haushalte, kinderreiche Familien, Langzeitarbeitslose, Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft und gering Qualifizierte. Auch 380.000 Kinder und Jugendliche (22% der Unter-20-Jährigen) lebten in Haushalten mit Ausgrenzungsgefährdung und waren dadurch in vielen Bereichen von sozialer Teilhabe ausgeschlossen.

2015 gab es 1.551.000 Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdete – um 148.000 weniger als 2008

Die gemäß dem Armutsreduktionsziel der Europa 2020-Strategie definierte Sozialzielgruppe umfasste im Jahr 2015 1.551.000 Personen in Österreich bzw. 18,3% der Bevölkerung. Von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohte Personen wiesen mindestens eines der drei folgenden Merkmale auf: Armutsgefährdung (13,9% bzw. 1.178.000 Personen), erhebliche materielle Deprivation (3,6% bzw. 302.000 Personen) oder Leben in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität (8,2% bzw. 526.000 Personen). Damit liegt Österreich deutlich unter dem für 2014 berechneten EU-Durchschnitt von 24,5%. Entsprechend dem EU-Ziel, soziale Eingliederung zu fördern und Armut zu verringern, zeigt sich in Österreich eine sinkende Tendenz in der Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung seit Beginn des Beobachtungszeitraums (2008: 20,6%, 2015: 18,3%). Der Reduktion um rund 148.000 Personen seit 2008 stehen jedoch weiterhin besonders gefährdete Personengruppen gegenüber.

Risikogruppen: Ein-Eltern-Haushalte, Langzeitarbeitslose und Personen mit ausländischer Herkunft

Alle Faktoren, welche die Verdienstchancen im Haushalt verringern, gehen mit erhöhter sozialer Benachteiligung einher. Dazu zählen unter anderem eingeschränkte Erwerbs- bzw. Betreuungsmöglichkeiten, wie sie für Haushalte mit einem Elternteil oft gegeben sind – so hatten Ein-Eltern-Haushalte mit 42% die höchste Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung. Das zweithöchste Risiko nach dem Haushaltstyp tragen Familien mit mindestens drei Kindern (29%). Neben bestimmten Haushaltskonstellationen sind Staatsbürgerschaft, Bildung und die Verankerung im Erwerbsprozess wesentliche Faktoren, die über gesellschaftliche Teilhabechancen bestimmen. Langzeitarbeitslose (49% bei sechs bis elf Monaten Dauer der Arbeitslosigkeit und 67% bei mindestens 12 Monaten) und Menschen aus Nicht-EU-/EFTA-Staaten (46%) zählen zu den am häufigsten mit Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung konfrontierten Personengruppen. Bei niedrigem Ausbildungsniveau ‒ Personen, die maximal einen Pflichtschulabschluss besitzen – besteht mit 28% ebenfalls eine überdurchschnittliche Ausgrenzungsgefährdung.

380.000 Kinder und Jugendliche von sozialer Ausgrenzung bedroht

Fast ein Viertel (24% bzw. 380.000 Personen) der Armuts- und Ausgrenzungsgefährdeten waren Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren. Das Risiko sozialer Ausgrenzung lag für diese Altersgruppe mit 22% über dem der Gesamtbevölkerung (18,3%). Die Möglichkeiten sozialer Teilhabe für Kinder und Jugendliche aus betroffenen Haushalten unterscheiden sich bereits deutlich von jenen der Gleichaltrigen ohne Gefährdungsrisiko: So ist es 34% nicht möglich, an kostenpflichtigen Freizeitaktivitäten wie Sport- oder Musikkursen teilzunehmen (17% sind in Haushalten ohne Ausgrenzungsmerkmal betroffen). Jedes zweite Kind (48%) aus einem armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten Haushalt muss auf einen jährlichen Urlaub verzichten (15% in Haushalten ohne Ausgrenzungsmerkmal). Es ist für diese Kinder mit drohender Armutsgefahr viel häufiger nicht möglich, Freunde zum Spielen oder Essen einzuladen (15% gegenüber 6% in Haushalten ohne Ausgrenzungsmerkmal) und Feste zu feiern (8% gegenüber 3%). Soziale Teilhabe von Kindern und Jugendlichen wird also vielfach über die ökonomische Situation des Elternhaushalts bestimmt, wobei junge Menschen aus ausgrenzungsgefährdeten Haushalten wesentliche Einschränkungen erfahren.

Detaillierte Ergebnisse bzw. weitere Informationen zum Thema finden Sie auf unserer Webseite.

Methodische Informationen, Definitionen:  
EU-SILC: EU-Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen (Statistics on Income and Living Conditions). EU-SILC sammelt seit 2003 jährlich Informationen über die Lebensbedingungen der Menschen in Privathaushalten in der Europäischen Union. Für Österreich führt Statistik Austria dieses Projekt durch, bei dem pro Jahr rund 6.000 österreichische Haushalte befragt werden. 
Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung, Europa 2020-Sozialzielgruppe = Armutsgefährdung ODER Erwerbslosigkeit ODER Deprivation: Die soziale Eingliederung soll in der Europäischen Union bis 2020 insbesondere durch Verminderung von Armut gefördert werden, wobei angestrebt wird, mindestens 20 Millionen Menschen aus Gefährdungslagen zu bringen (Ausgangswert 2008: rund 120 Millionen). Die Zielgruppe umfasst Personen, auf die mindestens eines der drei folgenden Kriterien zutrifft: Armutsgefährdung oder keine/sehr niedrige Erwerbsintensität im Haushalt oder erhebliche materielle Deprivation. Die österreichische Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Zahl der in Österreich in diesem Sinne Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten um mindestens 235.000 Personen bis zum Jahr 2020 zu verringern. 
Armutsgefährdung meint ein im Verhältnis zur Mitte der Bevölkerung geringes Haushaltseinkommen; als armutsgefährdet gelten in der EU jene Haushalte, deren äquivalisiertes Nettohaushaltseinkommen unter 60% des Medians aller äquivalisierten Nettohaushaltseinkommen des Landes liegt. Das war in Österreich laut EU-SILC 2015 ein Betrag von 1.163 Euro pro Monat für Alleinlebende, plus 582 Euro pro Monat für jeden weiteren Erwachsenen im Haushalt und 349 Euro pro Monat für jedes Kind unter 14 Jahren. 
Personen in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität: Ein Haushalt mit geringer Erwerbsintensität schöpft weniger als 20% seines Erwerbspotenzials aus – berechnet auf Grundlage aller 18- bis 59-jährigen Personen im Haushalt (ohne Studierende). 
Europäischer Mindestlebensstandard; erhebliche materielle Deprivation wird bei Zustimmung zu mindestens vier von neun Aussagen über die Leistbarkeit von Gütern/Bedürfnissen für den Haushalt festgelegt. Der Haushalt kann es sich nicht leisten:  
- regelmäßige Zahlungen in den letzten 12 Monaten rechtzeitig zu begleichen (Miete, Betriebskosten, Kreditrückzahlungen, Wohnnebenkosten, Gebühren für Wasser, Müllabfuhr und Kanal, sonstige Rückzahlungsverpflichtungen); 
- unerwartete Ausgaben bis zu 1.100€ zu finanzieren; 
- die Wohnung angemessen warm zu halten; 
- jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch (oder entsprechende vegetarische Speisen) zu essen; 
- einmal im Jahr eine Woche auf Urlaub zu fahren; 
- einen PKW; 
- eine Waschmaschine; 
- ein Fernsehgerät; 
- ein Festnetztelefon oder Handy. 
Einfach-/Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdung: Als einfach ausgrenzungsgefährdet gelten Personen, die in ausschließlich einem der drei Bereiche sozialer Ausgrenzung (nach Definition der Europa 2020-Strategie) benachteiligt sind. Als mehrfach ausgrenzungsgefährdet gelten Personen, die in mindestens zwei der drei Bereiche sozialer Ausgrenzung benachteiligt sind.

Rückfragen zum Thema beantworten in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria:  
Mag. Nadja LAMEI, Tel.: +43 (1) 71128-7336 bzw. nadja.lamei@statistik.gv.at und  
Mag. Richard HEUBERGER, Tel.: +43 (1) 71128-8285 bzw. richard.heuberger@statistik.gv.at

 

Tabelle 1: Teilgruppen der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung in Österreich 2008 und 2015
Soziale Eingliederungsindikatoren der Europa 2020-StrategieBasisjahr 20081)2015
in 1.000in %in 1.000in %
Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung (in mind. 1 von 3 Bereichen)1.69920,61.55118,3
Armutsgefährdung1.25215,21.17813,9
Haushalte mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität2)4757,45268,2
Erhebliche materielle Deprivation4855,93023,6
Einfach-/Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdung    
Einfach-Ausgrenzungsgefährdet (in ausschließlich einem Bereich)1.28815,61.16713,8
Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdet (in mind. 2 von 3 Bereichen)4115,03854,5
Tabelle 2: Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung für die Bevölkerung insgesamt, nach Alter und Geschlecht sowie für ausgewählte Risikogruppen
BevölkerungsgruppenPersonen gesamt (=100%) in 1.000Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung
in 1.000Risiko in %
Bevölkerung gesamt8.4761.55118
Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre1.74138022
Männer ab 20 Jahren3.24852316
Frauen ab 20 Jahren3.48764819
Risikogruppe   
Ein-Eltern-Haushalt30012742
Mehrpersonenhaushalt mit mind. 3 Kindern71720629
Arbeitslosigkeit: 6–11 Monate (im Jahr 2014)1105449
Arbeitslosigkeit: ganzjährig (im Jahr 2014)16211067
Nicht-österreichische und Nicht-EU/EFTA-Staatsbürgerschaft61828746
Maximal Pflichtschulabschluss1.58044528
Tabelle 3: Nicht-Verfügbarkeit von sozialer Teilhabe für Kinder und Jugendliche nach Ausgrenzungsgefährdung
Nicht Verfügbarkeit sozialer Teilhabe in %Haushalt ist…
armuts- oder ausgrenzungsgefährdetnicht armuts- oder ausgrenzungsgefährdet
Eine Woche Urlaub pro Jahr4815
Regelmäßiges Ausüben von mit Kosten verbundenen Freizeitaktivitäten3417
Freunde zum Spielen und Essen einladen156
Feste feiern zu besonderen Anlässen (z. B. Geburtstage, religiöse Anlässe)83
Teilnahme an mit Kosten verbundenen Schulaktivitäten und -fahrten(5)2

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