Pressemitteilung: 10.682-258/13

EU-SILC 2012: 1,5 Mio. Menschen in Österreich sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet

Wien, 2013-12-17 – Im Jahr 2012 umfasst die Europa 2020-Sozialzielgruppe in Österreich rund 1,5 Millionen Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdete. Das sind 18,5% der Bevölkerung, wie die neuesten Ergebnisse der European Union Statistics on Income and Living Conditions (EU-SILC) 2012 von Statistik Austria zeigen. 5% der Bevölkerung (411.000 Personen) sind von mehreren Gefährdungslagen gleichzeitig betroffen. Im EU-Vergleich sind die Einwohnerinnen und Einwohner Österreichs jedoch weiterhin unterdurchschnittlich armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, obwohl in Österreich eine methodische Änderung in der Erhebung EU-SILC das Niveau des Indikators im Zeitvergleich leicht anhebt.

Europa 2020-Sozialzielgruppe umfasst in Österreich 1.542.000 Personen

Die 2010 festgelegte Europa 2020-Strategie definiert Ziele zur Armutsbekämpfung. Zur Messung des Fortschritts beim Erreichen dieser Ziele wird der europäisch verbindliche Indikator "Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung" herangezogen. Laut EU-SILC 2012 umfasst die Sozialzielgruppe in Österreich 1.542.000 Menschen oder 18,5% der Bevölkerung. Sie sind von mindestens einer der drei definierten Gefährdungslagen betroffen, die auch in Kombination auftreten können: 2012 waren in Österreich 14,4% der Bevölkerung armutsgefährdet (1.201.000 Personen), 4,0% waren erheblich materiell depriviert (335.000 Personen) und 7,6% der Personen unter 60 Jahren lebten in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität (490.000 Personen).

Risikogruppen: Ein-Eltern-Haushalte, alleinlebende Frauen und Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft

411.000 Armuts- und Ausgrenzungsgefährdete befinden sich in besonders prekären Lebenslagen, da sie von mindestens zwei Problembereichen gleichzeitig betroffen sind (siehe Tabelle 1). 5% der Gesamtbevölkerung in Österreich gelten somit als mehrfach ausgrenzungsgefährdet. Besonders betroffen sind Personen in Ein-Eltern-Haushalten: 39% sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, knapp die Hälfte von ihnen ist in mehreren Bereichen benachteiligt. Ein erhöhtes Risiko tragen auch alleinlebende Frauen ohne Pensionsbezug sowie Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft. Unter ihnen ist jeweils ein Drittel armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, davon 29% bzw. 38% mehrfach. Armuts- und ausgrenzungsgefährdete Familien mit drei und mehr Kindern (28%) sind zu 44% von mehr als einer Problemlage betroffen. Deutlich seltener weisen Mehrpersonenhaushalte mit einem oder zwei Kindern Benachteiligungen auf. Auch Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft und höherer Bildung tragen ein unterdurchschnittliches Risiko, in soziale Gefährdungslagen zu geraten (siehe Tabelle 2).

Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung in Österreich deutlich unter dem EU-Durchschnitt

Im Jahr 2012 waren 124,5 Millionen Personen bzw. 24,8% der Bevölkerung in der EU von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, gegenüber 24,3% im Jahr 2011 und 23,7% im Jahr 2008. Österreich liegt mit dem auf Grundlage von EU-SILC 2012 berechneten Wert von 18,5% deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Die niedrigste Quote der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung weisen die Niederlande (15,0%) und Tschechien (15,4%) auf, die höchste Bulgarien. Dort befindet sich nahezu die Hälfte der Bevölkerung (49,3%) in einer ausgrenzungsgefährdenden Lebenslage.

Revision der Zeitreihe zu Armut und sozialer Eingliederung

Auf Grundlage der Einkommens- und Lebensbedingungen-Statistikverordnung (ELStV) wurden in der Erhebung EU-SILC 2012 erstmals Verwaltungsdaten zur Berechnung von Komponenten des Haushaltseinkommens sowie für die Hochrechnung verwendet. Vorteile der geänderten Methodik sind eine höhere Datenqualität bei gleichzeitiger Entlastung der Befragten. Durch die verbesserte Datenbasis ergeben sich allerdings Auswirkungen auf die Darstellung der Einkommensverteilung und der einkommensbasierten Indikatoren, was eine Revision der Zeitreihe in der österreichischen Armutsberichterstattung zur Folge hat. Wurde die Armutsgefährdungsquote für Österreich bislang bei rund 12 bis 13% ausgewiesen, liegt sie unter Einbeziehung von Verwaltungsdaten bei 14,4%. Um das Monitoring des Europa 2020-Sozialziels zu gewährleisten, hat Statistik Austria durch eine Rückrechnung von EU-SILC 2011 mit Verwaltungsdaten und modellbasierte Schätzungen für die Jahre 2008 bis 2010 eine neue Zeitreihe der Indikatoren von 2008 bis 2012 erstellt. Diese zeigt eine Niveauverschiebung der Betroffenheit von Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung bei gleichbleibendem Verlauf (siehe Tabelle 3). So liegt die rückgeschätzte Armutsgefährdungsquote durchwegs um ein bis zwei Prozentpunkte höher als jene, die auf Basis von Befragungsdaten ermittelt wurde. Auch für den Hauptindikator Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung zeigen die rückgeschätzten Werte eine ähnliche Entwicklung.

Detaillierte Ergebnisse bzw. weitere Informationen zu EU-SILC 2012 finden Sie auf unserer Webseite.

 

Methodische Informationen, Definitionen:  
EU-SILC: EU-Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen (SILC steht für Statistics on Income and Living Conditions)  
Europa 2020-Strategie:
Die soziale Eingliederung in der Europäischen Union soll bis 2020 insbesondere durch Verminderung der Armut gefördert werden, wobei angestrebt wird, mindestens 20 Millionen Menschen aus Gefährdungslagen zu bringen. 
Europa 2020-Zielgruppe = Armutsgefährdung ODER Erwerbslosigkeit ODER Deprivation:
Ein Europa 2020-Ziel ist es, die Zahl der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Personen in der Europäischen Union bis zum Jahr 2020 um 20 Millionen zu senken (Ausgangswert 2008: rund 120 Millionen). Die Zielgruppe umfasst Personen, auf die mindestens eines von drei Kriterien zutrifft: Armutsgefährdung ODER keine/sehr niedrige Erwerbsintensität im Haushalt ODER erhebliche materielle Deprivation. Die österreichische Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Zahl der in Österreich in diesem Sinne Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten bis zum Jahr 2020 um mindestens 235.000 Personen zu verringern.  
Mehrfachausgrenzungsgefährdung: Als mehrfach ausgrenzungsgefährdet gelten Personen, die in mindestens zwei der drei Bereiche sozialer Ausgrenzung benachteiligt sind. 
Armutsgefährdung
: Als armutsgefährdet gelten in der Europäischen Union jene Haushalte, deren äquivalisiertes Nettohaushaltseinkommen unter dem Grenzwert von 60% des Medians aller äquivalisierten Nettohaushaltseinkommen des Landes liegt. Schwellenwert für Armutsgefährdung war in Österreich laut EU-SILC 2012 ein Betrag von 1.090 Euro pro Monat für Alleinlebende, plus 327 Euro pro Monat für jedes Kind unter 14 Jahren und 545 Euro pro Monat für jeden weiteren Erwachsenen. 
Personen in (nahezu) Erwerbslosenhaushalten: Ein Haushalt mit geringer Erwerbsintensität schöpft maximal 20% seines Erwerbspotenzials – berechnet auf Grundlage aller 18- bis 59-jährigen Personen im Haushalt (ohne Studierende) – aus.  
Europäischer Mindestlebensstandard (materielle Deprivation nach EU-Definition): Für die Ziele der Europa 2020-Strategie wird materielle Deprivation bei Zustimmung zu mindestens vier von neun Aussagen über die Leistbarkeit von Gütern/Bedürfnissen für den Haushalt festgelegt. Der Haushalt kann sich nicht leisten:  
- regelmäßige Zahlungen in den letzten 12 Monaten rechtzeitig zu begleichen (Miete, Betriebskosten, Kreditrückzahlungen, Wohnnebenkosten, Gebühren für Wasser-, Müllabfuhr und Kanal, sonstige Rückzahlungsverpflichtungen) 
- unerwartete Ausgaben bis zu 1.000 Euro zu finanzieren 
- die Wohnung angemessen warm zu halten 
- jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch (oder entsprechende vegetarische Speisen) zu essen 
- einmal im Jahr eine Woche auf Urlaub zu fahren 
- einen Pkw 
- eine Waschmaschine 
- ein Farbfernsehgerät 
- ein Telefon oder Handy 
Verwaltungsdaten: Register und Datensätze der öffentlichen Verwaltung, die mit den Daten einer Stichprobenerhebung verknüpft werden können, aber ursprünglich zu anderen Zwecken erstellt wurden. Für EU-SILC sind dies insbesondere Verwaltungsdaten zu Einkommen (Lohnsteuerdatensatz) und zu Auszahlungen öffentlicher Stellen (Sozialversicherung, Studienbeihilfenbehörde etc).

Rückfragen zum Thema beantworten in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria:  
Mag. Nadja LAMEI, Tel.: +43 (1) 71128-7336 bzw. nadja.lamei@statistik.gv.at und  
Mag. Richard HEUBERGER, Tel.: +43 (1) 71128-8285 bzw. richard.heuberger@statistik.gv.at

 

Tabelle 1: Teilgruppen der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung in Österreich 2012
 in 1.000Schwankungsbreite in 1.000AnteilQuote
in %
Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung insgesamt 
(zumindest eine Benachteiligung tritt auf)
1.54210810018
Teilgruppen der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung 
(nur eine Benachteiligung tritt auf)
    
Nur Armutsgefährdung830815410
Nur erhebliche materielle Deprivation1122971
Nur in HH mit keiner/sehr niedriger Erwerbsintensität19031122
Mehrfachausgrenzungsgefährdung 
(mehrere Benachteiligungen treten auf)
    
Zusammen41166275
Armutsgefährdung + in HH mit keiner/sehr niedriger Erwerbsintensität18847122
Armutsgefährdung + erhebliche materielle Deprivation1114071
In HH mit keiner/sehr niedriger Erwerbsintensität + erhebliche materielle Deprivation391730
Armutsgefährdung, erhebliche materielle Deprivation + in HH mit keiner/sehr niedriger Erwerbsintensität732351
Tabelle 2: Soziale Zusammensetzung der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten
MerkmaleNicht-Armuts- oder Ausgrenzungs- 
gefährdete
Armuts- oder Ausgrenzungs- 
gefährdete
darunter:  
Mehrfach Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdete 
(100% = Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdete insgesamt)
in 1.000Quote in %in 1.000Quote in %in 1.000Quote in %
Gesamt6.802821.5421841127
Alter
Bis 19 Jahre1.428803622012535
20 bis 39 Jahre1.607794332113531
40 bis 64 Jahre2.561835131714127
65 Jahre +1.2068423416(11)(5)
Staatsbürgerschaft
Österreich6.179841.2071628323
Nicht Österreich623653353512838
Höchster Bildungsabschluss1)
Max. Pflichtschule1.254744492612428
Lehre/mittlere Schule2.83585496159619
Matura98783199176432
Universität69986113142623
Haushalte mit Pension2)
Zusammen1.22781289193010
Alleinlebende Männer104802620415
Alleinlebende Frauen2237288281315
Mehrpersonenhaushalt9018417616148
Haushalte ohne Pension3)
Zusammen5.575821.2531838130
Alleinlebende Männer30971127294435
Alleinlebende Frauen29764166364829
Mehrpersonenhaushalt ohne Kinder1.77686277146825
Haushalte mit Kindern 3.192826821822032
Ein-Eltern-Haushalt17561111395146
Mehrpersonenhaushalt + 1 Kind1.20586204145225
Mehrpersonenhaushalt + 2 Kinder1.31489169113018
Mehrpersonenhaushalt + mind. 3 Kinder49872198288844

 

Tabelle 3: Revidierte Zeitreihe der Europa 2020-Indikatoren 2008-2012
 Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung  
(Benachteiligung in mind.  
1 von 3 Bereichen)
Bereiche der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung
ArmutsgefährdungIn Haushalten mit keiner  
oder sehr niedriger  
Erwerbsintensität
Erhebliche materielle Deprivation
 in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %
2008        
Publizierte Werte1.53218,61.01812,45188,05246,4
Rückschätzung1.62719,71.10513,45188,05246,4
2009        
Publizierte Werte1.40617,099312,04617,23954,8
Rückschätzung1.51318,31.10713,44617,23954,8
2010        
Publizierte Werte1.37316,61.00412,14977,73554,3
Rückschätzung1.50418,21.14213,84977,73554,3
2011        
Publizierte Werte1.40716,91.05112,65198,03253,9
Rückrechnung1.59319,21.20714,55468,53334,0
2012        
Publizierte Werte 
inkl. VWD
1.54218,51.20114,44907,63354,0

Medieninhaber, Hersteller und Herausgeber: 
Bundesanstalt Statistik Österreich, Redaktion: Mag. Beatrix Tomaschek 
1110 Wien, Guglgasse 13, Tel.: +43 (1) 71128-7851, Fax: +43 (1) 71128-7088  
presse@statistik.gv.at © STATISTIK AUSTRIA