9.546-264/09

EU-SILC 2008: Aktuelle Ergebnisse zum Auftakt des "Europäischen Jahres zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung"

Wien, 2009-12-16 – Die Armutsgefährdungsschwelle für Alleinlebende betrug in Österreich für das Jahr 2008 951 Euro pro Monat. Für jeden weiteren Erwachsenen im Haushalt erhöht sich diese um 475 Euro, für jedes Kind um 285 Euro. Das geht aus aktuellen Ergebnissen zu Einkommen, Armut und Lebensbedingungen in Österreich auf Grundlage von EU-SILC (Statistics on Income and Living Conditions) 2008 hervor, die heute von Statistik Austria veröffentlicht wurden. Insgesamt waren 2008 12,4% der Bevölkerung bzw. rund 1.018.000 Menschen armutsgefährdet. Davon lebten rund 492.000 Menschen (bzw. 6% der Bevölkerung) in manifester Armut. Dauerhaft armutsgefährdet waren im Zeitraum 2004-2007 5% der Personen in Österreich, das heißt ihr Einkommen lag sowohl im letzten Jahr (2007) als auch in zumindest zwei der vorangegangenen drei Jahre unter der Armutsgefährdungsschwelle.

2010 Europäisches Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung

Das Jahr 2010 wurde von der Europäischen Kommission als Schwerpunktjahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung festgelegt und soll die Öffentlichkeit für diese Themen sensibilisieren. Das Bewusstsein für die Lage armer Menschen soll geschärft, die Identifizierung der Öffentlichkeit mit Strategien und Maßnahmen zur Förderung der sozialen Eingliederung verstärkt und das Recht auf ein Leben in Würde und umfassende Teilhabe an der Gesellschaft anerkannt werden.

12,4% der Bevölkerung in Österreich armutsgefährdet

Als armutsgefährdet gelten Personen mit niedrigem Haushaltseinkommen. Die aktuelle Armutsgefährdungsschwelle liegt bei 60% des Medians des äquivalisierten Jahreseinkommens (=bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen) und beträgt laut EU-SILC 2008 951 Euro pro Monat für einen Einpersonenhaushalt. In Österreich sind 12,4% der Bevölkerung armutsgefährdet, das sind 1.018.000 Personen. Mit 95% Vertrauenswahrscheinlichkeit liegt die Zahl der Armutsgefährdeten zwischen 940.000 und 1,1 Millionen. Das äquivalisierte Jahreseinkommen armutsgefährdeter Haushalte liegt im Mittel um 146 Euro unter der Armutsgefährdungsschwelle, die Armutsgefährdungslücke beträgt somit 15,3%.

Höchstes Armutsrisiko für Personen aus dem Nicht-EU-Ausland

Im Jahr 2008 wird das höchste Armutsrisiko in EU-SILC für Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft (30%) ausgewiesen. Auch bei bereits Eingebürgerten aus Drittstaaten bleibt die Armutsgefährdungsquote mit 21% deutlich über dem Bevölkerungsschnitt. Ebenfalls stark armutsgefährdet sind Personen in Ein-Eltern-Haushalten (29%).

6% der Personen in manifester Armut

Rund die Hälfte der Personen, die armutsgefährdet sind, ist 2008 gleichzeitig mit finanzieller Deprivation konfrontiert und wird als "manifest arm" bezeichnet: Sie können sich nicht leisten bei Bedarf etwa neue Kleidung zu kaufen, die Wohnung ausreichend warm zu halten oder eine dringende medizinische Behandlung wahrzunehmen, sind mit Zahlungen im Rückstand oder können keine unerwarteten Ausgaben bestreiten. In Haushalten, in denen es nur eine Verdienerin oder einen Verdiener gibt, führt niedriges Einkommen wesentlich öfter zu manifester Armut als in Mehrpersonenhaushalten. Jede fünfte Person in einem Ein-Eltern-Haushalt kann als manifest arm bezeichnet werden (20%), überdurchschnittlich oft betroffen sind auch alleinlebenden Pensionistinnen (13%). Aber auch alleinlebende Frauen ohne Pensionsbezug (11%) und alleinlebende Männer (10% mit Pension bzw. 9% ohne Pension) sind besonders häufig von manifester Armut betroffen. Betrachtet nach der Zusammensetzung von manifest Armen, ist die größte Gruppe Mehrpersonenhaushalte mit mindestens drei Kindern. 10% dieses Haushaltstyps, das entspricht rund 73.000 Erwachsenen und Kindern, sind manifest arm.

Dauerhafte Armutsgefährdung betrifft 5%

Seit dem Jahr 2004 erfolgt die Erhebung EU-SILC mit einem integrierten Längsschnittdesign, drei Viertel der Haushalte werden im jeweils nächsten Jahr wieder befragt. Somit ist es möglich die soziale Lage der Haushalte über vier Jahre zu verfolgen. Erstmals können im Bericht zu EU-SILC 2008 Längsschnittauswertungen für die Jahre 2004 bis 2007 präsentiert werden. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung (27%) befand sich zumindest einmal in den vier Jahren unter der Armutsgefährdungsschwelle. 5% der Personen, die während der ersten vier Jahre an der Erhebung EU-SILC teilnahmen, sind als dauerhaft armutsgefährdet zu bezeichnen. Das heißt ihr äquivalisiertes Jahreseinkommen lag sowohl im Jahr 2007 als auch in mindestens zwei der vorangegangenen drei Jahre unter der Armutsgefährdungsschwelle.

Tabelle 1: Armutsgefährdungsschwelle 60% des Medians für unterschiedliche Haushaltstypen
HaushaltstypGewichtungsfaktor nach EU-SkalaJahreswert  
(in EUR)
Monatswert (in EUR)
2008
Einpersonenhaushalt111.406951
1 Erwachsener + 1 Kind1,314.8281.236
2 Erwachsene1,517.1091.426
2 Erwachsene + 1 Kind1,820.5311.711
2 Erwachsene + 2 Kinder2,123.9531.996
2 Erwachsene + 3 Kinder2,427.3742.281
Tabelle 2: Armutsgefährdung nach soziodemographischen Merkmalen
Soziodemographische MerkmaleGesamt (=100%)  
in 1.000
ArmutsgefährdungLücke 
in %
in  
1.000
An-teil Quote
in %
Insgesamt8.2421.0181001215
Männer4.0234511001116
Bis 19 Jahre924131291413
20 bis 39 Jahre1.08710323922
40 bis 64 Jahre1.436150331018
65 Jahre +57668151214
Frauen4.2185681001315
Bis 19 Jahre892139251618
20 bis 39 Jahre1.066131231218
40 bis 64 Jahre1.461159281114
65 Jahre +799139241714
Staatsbürgerschaft     
Österreich7.367791781115
  darunter eingebürgert (Nicht EU/EFTA)2635662114
Nicht Österreich874228222621
  davon EU/EFTA2704541714
  davon sonstiges Ausland604182183023
Höchster Bildungsabschluss 1)     
Max. Pflichtschule1.657373462215
Lehre/mittlere Schule3.30830137914
Matura1.22810112818
Universität679385618
Haushalt mit Pension 2)1.6402581001614
Alleinlebend männlich1282081615
Alleinlebend weiblich41599382414
Mehrpersonenhaushalt1.096139541313
Haushalt ohne Pension 3)6.6027601001218
Alleinlebend männlich41268281627
Alleinlebend weiblich30561252020
Mehrpersonenhaushalt ohne Kinder1.95711347615
Haushalt mit Kindern 
(ohne Pension)
3.9275191001317
Ein-Eltern-Haushalt32092182916
Mehrpersonenhaushalt + 1 Kind1.35112023913
Mehrpersonenhaushalt + 2 Kinder1.502156301019
Mehrpersonenhaushalt + mind. 3 Kinder754151292016
Tabelle 3: Merkmale finanzieller Deprivation
 GesamtNicht armutsgefährdetArmutsgefährdet
in 1.000in %in 1.000 in % in 1.000 in %
Finanziell depriviert (mit mind. 2 Benachteiligungen)1)1.641201.1501649248
Haushalt kann sich nicht leisten…      
unerwartete Ausgaben zu tätigen2.430291.7932563763
Freunde zum Essen einzuladen1.188148191136936
jeden 2. Tag Fleisch, Fisch oder eine vegetarische Speise 1.106137881131831
neue Kleider zu kaufen 82010538728228
Zahlungen rechtzeitig zu begleichen 5597402615815
die Wohnung angemessen warm zu halten 3334204312913
notwendigen Arztbesuch23331823515
Tabelle 4: Betroffenheit von manifester Armut nach Haushaltstyp
 Manifeste Armut
in 1.000Quote in %
Insgesamt4926
Haushaltstyp  
Ein-Eltern-Haushalt6320
Alleinlebende Frauen mit Pension5213
Alleinlebende Frauen ohne Pension3311
Alleinlebende Männer mit Pension1310
Mehrpersonenhaushalt + mind. 3 Kinder 7310
Alleinlebende Männer ohne Pension399
Mehrpersonenhaushalt + 2 Kinder 634
Mehrpersonenhaushalt mit Pension 444
Mehrpersonenhaushalt + 1 Kind 514
Mehrpersonenhaushalt ohne Kinder 593
Methodische Informationen, Definitionen:
Verfügbares Haushaltseinkommen: Einkommen aus Erwerbsarbeit, Pensionen, Sozialtransfers, Transferleistungen zwischen Haushalten (z.B. Unterhaltszahlungen) und Kapitaleinkommen abzüglich Steuern und sonstiger Abgaben. Die Nettobeträge aller Personen im Haushalt werden über das ganze Jahr summiert.
Äquivalisiertes Jahreseinkommen (bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen) gilt als Maßzahl für den Lebensstandard eines Haushaltes und wird nach der EU-Skala berechnet. Das insgesamt verfügbare Haushaltseinkommen wird dabei durch die Summe der Äquivalenzgewichte im Haushalt dividiert. Jede erwachsene Person wird mit dem Wert 0,5 und Kinder unter 14 Jahren mit 0,3 gewichtet. Zusätzlich wird ein Wert von 0,5 für den Grundbedarf jedes Haushalts hinzugezählt.
Armutsgefährdung: Alle Personen, deren jährliches Äquivalenzeinkommen (gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen) unterhalb eines festgelegten Schwellenwertes (60% des Medians = Armutsgefährdungsschwelle) liegt, gelten nach europäischer Definition als armutsgefährdet.
Armutsgefährdungslücke: Maß für die Intensität der Armutsgefährdung definiert als durchschnittliche Abweichung des medianen Äquivalenzeinkommens der Armutsgefährdeten von der Armutsgefährdungsschwelle in Prozent dieser Schwelle.
Manifeste Armut: Alle armutsgefährdeten Personen, die zusätzlich finanziell depriviert sind, das heißt, die bei der Befragung angeben, sich zwei oder mehr der folgenden Dinge nicht leisten zu können:
- Die Wohnung angemessen warm zu halten  
- Regelmäßige Zahlungen (Miete, Betriebskosten) rechtzeitig zu begleichen 
- Notwendige Arzt- oder Zahnarztbesuche in Anspruch zu nehmen 
- Unerwartete Ausgaben (z.B. für Reparaturen) von 900 Euro zu finanzieren 
- Neue Kleidung zu kaufen  
- Jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine vergleichbare vegetarische Speise zu essen 
- Freunde oder Verwandte einmal im Monat zum Essen einzuladen.
Dauerhafte Armutsgefährdung: Alle Personen, die im aktuellsten Jahr und in mindestens zwei von drei vorhergehenden Jahren in Haushalten mit einem Äquivalenzeinkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle des jeweiligen Jahres lebten. Einbezogen werden nur Personen, die alle vier Jahre im Panel waren und erfolgreich befragt wurden.

Rückfragen zum Thema beantworten in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria:  
Mag. Nadja Lamei, Tel. (01) 71128-7336 bzw. nadja.lamei@statistik.gv.at und Mag. Ursula Till-Tentschert, Tel. (01) 71128-7306 bzw. ursula.till-tentschert@statistik.gv.at

Ankündigung: Im Jänner 2010 werden ein ausführlicher Bericht in der Sozialpolitischen Studienreihe des BMASK (Bd. 2) sowie eine weitere Pressemitteilung aus EU-SILC 2008 zum Schwerpunktthema Verschuldung österreichischer Privathaushalte erscheinen.

Medieninhaber, Hersteller und Herausgeber: 
Bundesanstalt Statistik Österreich, Redaktion: Mag. Beatrix Tomaschek 
1110 Wien, Guglgasse 13, Tel.: +43 (1) 71128-7851, Fax: +43 (1) 71128-7088  
presse@statistik.gv.at © STATISTIK AUSTRIA