9.089-058/08

Macht Armut einsam? Neue Ergebnisse belegen Zusammenhänge zwischen niedrigem Einkommen, materieller Benachteiligung und sozialer Isolation

Wien, 2008-03-19 – Die aktuelle Studie der Statistik Austria zu EU-SILC 2006 „Einkommen, Armut und Lebensbedingungen in Österreich“ belegt, dass Armut häufig mit sozialer Isolation verbunden ist: Menschen in Armutslagen leben wesentlich öfter allein, haben seltener Kontakte außerhalb des Haushaltes und können deutlich seltener auf ein tragfähiges Unterstützungsnetzwerk zurückgreifen als andere Personen. Bei Frauen in manifesten Armutslagen ist soziale Isolation besonders stark ausgeprägt, während sie bei Männern vor allem gleichzeitig mit Arbeitslosigkeit auftritt.

Rund 459.000 Menschen leben in manifester Armut

Die Schwelle zur Armutsgefährdung liegt laut EU-SILC 2006 bei einem gewichteten Pro-Kopf-Einkommen von 893 Euro pro Monat. Dieser Wert liegt um 40% unter dem österreichischen Mittelwert (Median). Rund eine Million bzw. 13% aller in Österreich lebenden Menschen sind nach dieser Definition armutsgefährdet. Fast ein Viertel der Bevölkerung bzw. rund 2 Millionen Menschen sind insofern benachteiligt, als sie Beeinträchtigungen in mindestens einem zentralen Lebensbereich wie beispielsweise mangelhafte Wohnungsqualität oder belastende Wohnumwelt oder gesundheitliche Beeinträchtigungen aufweisen bzw. weil sie sich übliche Konsumgüter nicht leisten oder elementare Grundbedürfnisse nicht ausreichend befriedigen können. In einer sogenannten manifesten Armutslage, bei der solche Benachteiligungen gleichzeitig mit einem armutsgefährdenden Einkommen auftreten, leben 459.000 Menschen (vgl. Pressemitteilung 9.082-051/08 vom 11.03.2008http://www.statistik.at/web_de/presse/030140).

Menschen in Armutslagen leben wesentlich öfter allein

In der aktuellen Studie werden soziale Beziehungen im Haushalt, im näheren privaten Umfeld und im Vereinsleben untersucht. Die Ergebnisse der Statistik Austria zeigen, dass rund 1,2 Millionen Menschen (18%) in Österreich in Einpersonenhaushalten leben. Verglichen mit dem Durchschnitt in der Bevölkerung leben arbeitslose Männer (26%) und Frauen in Pension (45%) überdurchschnittlich häufig allein. 2% der Erwachsenen, vor allem Frauen, leben als einziger Elternteil zusammen mit einem oder mehreren Kindern. Frauen, die in zentralen Lebensbereichen mehrfach benachteiligt sind, leben häufiger allein oder nur mit Kindern im Haushalt (29%), ebenso einkommensarme Frauen (39%) oder manifest arme Frauen (55%). Bei Männern ist der Anteil der alleine lebenden nur in manifesten Armutslagen erhöht (32%).

Soziale Isolation tritt in manifesten Armutslagen stark gehäuft auf

Rund 70% der Frauen haben mindestens einmal pro Woche Kontakt zu Verwandten; Kontakte zu Freunden sind bei Frauen ebenso häufig. Hingegen haben nur 58% der Männer Kontakt zu Verwandten, 71% jedoch zu Freunden. Insgesamt haben 93% der Frauen und 91% der Männer regelmäßigen Kontakt zur Verwandtschaft oder zum Freundeskreis oder zur Nachbarschaft. Anders betrachtet bedeutet dies, dass 238.000 Frauen (7%) und 302.000 Männer (9%) keinen wöchentlichen Kontakt zu einer dieser Gruppen haben und nach dieser Definition sozial isoliert sind. Bei arbeitslosen Männern ist der Anteil der sozial isolierten Personen mit 16% am höchsten.

Den geringsten Anteil sozial isolierter Personen weisen "nicht arme" Frauen und Männer (5% bzw. 7%) auf, das sind Personen, die weder im obigen Sinne benachteiligt sind noch einkommensmäßig unter der erwähnten Armutsgefährdungsschwelle liegen. Bei den sogenannten "einkommensarmen" Personen, das sind jene, deren Einkommen zwar unter der Armutsgefährdungsschwelle liegt, die aber keine genannten Benachteiligungen aufweisen, ist der Anteil sozial isolierter Frauen und Männer etwas höher (7% bzw. 10%). Stärker eingeschränkt sind die sozialen Beziehungen bei "deprivierten Personen", das sind jene, die wie erwähnt benachteiligt, aber nicht armutsgefährdet sind: Der Anteil der deprivierten Frauen (11%) und Männer (15%), die keine sozialen Kontakte haben, ist doppelt so hoch wie bei nicht Armen. Am stärksten isoliert sind "manifest Arme", die sowohl einkommensmäßig armutsgefährdet als auch im genannten Sinn benachteiligt sind. Bei manifest armen Frauen (14%) ist der Anteil der sozial isolierten Personen rund dreimal, bei manifest armen Männern (15%) mehr als doppelt so hoch wie bei "nicht Armen".

Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Aktivitäten in Vereinen und Organisationen

Rund 2,1 Millionen Menschen (31%) sind der aktuellen Studie zufolge zumindest einmal pro Monat in einer Organisation oder einem Verein aktiv. Der Anteil der Aktiven ist bei Frauen niedriger (27%) als bei Männern (35%). Geschlechtspezifische Unterschiede bestehen am stärksten bei politischen Organisationen und Berufsverbänden (Frauen 6%, Männer: 11%) sowie bei Sportvereinen (Frauen 6%, Männer: 15%). Nur in Organisationen im religiösen oder karitativen Bereich sind Frauen (19%) in etwa gleich häufig aktiv wie Männer (18%). Menschen in benachteiligten Lebenssituationen sind weniger häufig in Organisationen oder Vereine eingebunden. So sind arbeitslose Männer nur zu 19% regelmäßig aktiv, bei Langzeitarbeitslosigkeit nur noch zu 12%. Einkommensarme Menschen sind zu 29% aktiv, deprivierte Personen zu 25%. Menschen in manifesten Armutslagen sind mit 18% am wenigsten in Organisationen oder Vereinen aktiv. Im Vergleich zu den nicht Armen (34%) sind sie nur rund halb so häufig aktiv.

Die Hoffnung auf Hilfe in Notlagen ist bei manifesten Armutslagen am geringsten

Laut Statistik Austria leisten rund 2,1 Millionen Menschen (22%) zumindest einmal im Monat informelle Unterstützung für andere Menschen. 6,1 Millionen Menschen (91%) rechnen damit, dass sie selbst im Notfall Hilfe von Verwandten, Freunden und Nachbarn bekommen. Obwohl die Gruppe der manifest armen Frauen – wie oben gezeigt - eingeschränkte soziale Beziehungen aufweist, leistet sie mit 21% kaum weniger Hilfe für Andere als der Bevölkerungsdurchschnitt. Bei manifest armen Männern liegt dieser Anteil bei 15%.

Wenn Menschen in einer Armutslage jedoch selbst Unterstützung benötigen, wird die Belastbarkeit ihrer sozialen Beziehungen verhältnismäßig gering eingeschätzt: 43.000 manifest arme Frauen (20%) rechnen in einem Notfall nicht mit Hilfe von Verwandten, Freunden oder Nachbarn. Die soziale Hilflosigkeit ist damit bei manifest armen Frauen rund dreimal so hoch wie bei nicht armen Frauen (6%). Von manifest armen Männern rechnen 28.000 (17%) nicht mit Hilfe im Notfall, während nicht arme Männer nur zu 7% nicht mit Unterstützung rechnen. Von Personen, die entweder einkommensarm oder von Deprivation betroffen sind, leisten 21% regelmäßig Hilfe, 13% rechnen damit, selbst keine Hilfe im Notfall zu bekommen.

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Tabelle 1: Anteil alleinlebender Personen nach Armutslagen
 Nicht ArmDepriviertEinkommensarmManifeste Armut
Absolutin %in 1.000in %in 1.000in %in 1.000in %
Männer310.0001394.0001527.0001652.00032
Frauen insgesamt430.00018202.00029105.00039119.00055
davon: 
Ohne Kinder
374.00016172.0002589.00033102.00047
Mütter mit Kindern56.000230.000416.000617.0008

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Tabelle 2: Isolation nach Armutslage
 Nicht ArmDepriviertEinkommensarmManifeste Armut
MännerFrauenMännerFrauenMännerFrauenMännerFrauen
Anteil von Personen ohne regelmäßige Kontakte7%5%14%11%10%7%15%14%
Isolationsindex1)1,001,001,962,121,411,312,072,88

 

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Tabelle 3: Fehlende soziale Unterstützung nach Armutslage
 Nicht ArmDepriviertEinkommensarmManifeste Armut
MännerFrauenMännerFrauenMännerFrauenMännerFrauen
Anteil von Personen, die im Notfall nicht mit Hilfe rechnen7%6%13%13%13%14%17%20%
Index fehlender sozialer Unterstützung1)1,001,001,782,021,682,212,293,06
Methodische Informationen, Definitionen:  
Armutsgefährdung: Alle Personen, deren jährliches Äquivalenzeinkommen (gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen) unterhalb eines festgelegten Schwellenwertes (60% des Medians = Armutsgefährdungsschwelle) liegt, gelten nach europäischer Definition als armutsgefährdet.  
 
Benachteiligung: Personen mit mindestens 2 Problemen in einem dieser Lebensbereiche:  
Wohnungsqualität: Substandard, Schimmel, dunkle Wohnung, keine Waschmaschine 
Wohnungsumfeld: Lärm, Umweltverschmutzung, Kriminalität 
Gesundheit: sehr schlechte Gesundheit, Behinderung, chronische Krankheit 
Oder mindestens 3 Problemen in einem dieser Lebensbereiche: 
Nicht leistbare gewünschte Konsumgüter: PKW, PC, Internet, Handy, DVD-Spieler, Geschirrspüler
Grundbedürfnisse: Wohnung warm halten, neue Kleidung kaufen, Fleisch, Fisch etc essen, unerwartete Ausgaben tätigen, Zahlungsrückstände  
Vier Typen von Armutslagen: Aufgrund von Armutsgefährdung und/oder Benachteiligung lassen sich vier Gruppen in der Gesamtbevölkerung identifizieren: 
Manifeste (oder sichtbare) Armut: Alle armutsgefährdeten Personen, die zusätzlich in zumindest einem zentralen Lebensbereich benachteiligt sind. 
Einkommensarm: Personen, die armutsgefährdet, aber nicht benachteiligt sind. 
Depriviert: Personen, die benachteiligt, aber nicht armutsgefährdet sind.
Nicht arm: Personen, die weder benachteiligt noch armutsgefährdet sind.

Rückfragen zum Thema beantworten in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria:  
Mag. Matthias Till, Tel. (01) 71128-7106 bzw. matthias.till@statistik.gv.at und Elisabeth Kafka, Tel. (01) 71128-7278 bzw. elisabeth.kafka@statistik.gv.at