Pressemitteilung:
10.134-280/11
Wien, 2011-16-12 -
Statistik Austria hat berechnet, dass 12% der Bevölkerung bzw. rund
eine Million Menschen armutsgefährdet sind. Trotz Konjunktureinbruch
2009 und Anstieg der Arbeitslosigkeit stieg der aus dem Haushaltseinkommen
errechnete Lebensstandard um 3,7%. Die kurzfristigen Auswirkungen der
Krise für die Privathaushalte in Österreich waren eher moderat. Längerfristig
haben sich die Lebensbedingungen armutsgefährdeter Personen kontinuierlich
verschlechtert und die Zahl der manifest Armen erreicht 2010 einen Höchststand.
Für 511.000 Armutsgefährdete war der absolute Mindestlebensstandard
nicht mehr leistbar. Datengrundlage sind Ergebnisse der im Jahr 2010
EU-weit durchgeführten Erhebung EU-SILC über die aktuellen Lebensbedingungen
und die Einkommenssituation im Jahr 2009.
Steigerung des allgemeinen Lebensstandards
auch im Krisenjahr
Der aus dem Haushaltseinkommen errechnete mittlere
Lebensstandard lag im Einkommensjahr 2009 bei 20.618 Euro, das bedeutet
einen Anstieg um 3,7% gegenüber dem Vorjahr. Der Lebensstandard in
Österreich hat sich demnach auch im sogenannten Krisenjahr gesteigert.
Im Jahr 2009 ist die Arbeitslosigkeit zwar gestiegen und die Löhne
bei bestimmten Gruppen infolge von Kurzarbeit zurückgegangen. Anderseits
konnten die dadurch entstandenen Einkommenseinbußen in vielen Fällen
durch Sozialleistungen abgefedert werden. Gleichzeitig hat die Steuerreform
eine spürbare Abgabenentlastung bewirkt. Schließlich erreichte die
Inflation 2009 den niedrigsten Stand seit 1953, wobei vor allem Grundnahrungsmittel
und Treibstoffe sogar deutlich billiger wurden.
Armutsgefährdung liegt seit 2004 nahezu unverändert
bei 12% der Bevölkerung
Rund 1 Million Menschen in Österreich sind armutsgefährdet.
Für rund die Hälfte davon besteht ein chronischer Einkommensmangel
über mindestens 3 Jahre. Als armutsgefährdet gelten Personen mit niedrigem
Haushaltseinkommen, wobei (Netto-)Erwerbseinkommen ebenso eingerechnet
werden wie im Laufe eines Jahres erhaltene Pensionen, Sozialleistungen
oder Unterhaltszahlungen sowie Kapitaleinkünfte. Die Armutsgefährdungsschwelle
beträgt laut EU-SILC 2010 12.371 Euro für einen Einpersonenhaushalt,
umgerechnet auf Jahreszwölftel entspricht dies 1.031 Euro im Monat.
Der Lebensstandard der Armutsgefährdeten liegt im Mittel bei rund 854
Euro pro Monat (für Alleinlebende). Dies entspricht einer Armutsgefährdungslücke
von 17%. Weder die Zahl der Armutsgefährdeten noch der Abstand zur
Armutsgefährdungsschwelle haben sich in Folge der Wirtschaftskrise
verändert.
Nach wie vor besonders stark von Armutsgefährdung
betroffen sind Personen ohne österreichische oder EU-Staatsbürgerschaft
(31%), alleinlebende Frauen in Pension (26%) sowie Personen in Ein-Eltern-Haushalten
(28%). Auch Haushalte mit Langzeitarbeitslosen (29%) und jene mit mehr
als zwei Kindern (18%) tragen ein stark erhöhtes Armutsrisiko. Erwerbsarbeit
ist der wichtigste Schutz gegen Armutsgefährdung. Wer das ganze Jahr
2009 in Vollzeit erwerbstätig war, hat eine Gefährdungsquote von lediglich
4%, bei mehr als sechs Monaten Arbeitslosigkeit liegt das Armutsrisiko
bereits zehnmal so hoch.
Manifeste Armut nimmt weiter zu
Im Jahr 2010 erreichte die Zahl der manifest Armen
mit 511.000 (2009: 488.000, 2005: 344.000) einen neuen Höchststand.
Manifest arm sind armutsgefährdete Personen, die zusätzlich finanziell
depriviert sind. Das bedeutet, dass auch Grundbedürfnisse aus finanziellen
Gründen nicht mehr gedeckt werden können. Nach der nationalen Definition
treten Einschränkungen bei mindestens zwei von sieben Merkmalen auf:
- Die Wohnung angemessen warm zu halten
- Regelmäßige Zahlungen (Miete, Betriebskosten) rechtzeitig zu begleichen
- Notwendige Arzt- oder Zahnarztbesuche in Anspruch zu nehmen
- Unerwartete Ausgaben (z. B. für Reparaturen) zu finanzieren
- Neue Kleidung zu kaufen
- Jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine vergleichbare vegetarische
Speise zu essen
- Freunde oder Verwandte einmal im Monat zum Essen einzuladen.
Unter den Armutsgefährdeten kann sich etwa die Hälfte
(51%) einen für Österreich absolut notwendigen Mindestlebensstandard
nicht leisten. Das sind 6,2% der Gesamtbevölkerung.
Detailliertere Ergebnisse und weitere Informationen
finden Sie auf unsere Webseite.
Methodische
Informationen, Definitionen: EU-SILC: EU-Gemeinschaftsstatistik über
Einkommen und Lebensbedingungen (SILC steht für Statistics on Income
and Living Conditions)
Statistische Schwankungsbreiten: Die Ergebnisse beruhen auf einer
Stichprobe von 6.188 Privathaushalten in Österreich. Bei einer Vertrauenswahrscheinlichkeit
von 95% sind folgende Schwankungsbreiten zu berücksichtigen:
Armutsgefährdung: 912.000 bis 1.096.000 betroffene Personen (11,0 bis
13,2 Prozent der Bevölkerung)
Manifeste Armut 441.000 bis 581.000 betroffene Personen (5,4 bis 7,0 Prozent
der Bevölkerung)
Verfügbares Haushaltseinkommen: Einkommen aus Erwerbsarbeit,
Pensionen, Sozialtransfers, Transferleistungen zwischen Haushalten (z. B.
Unterhaltszahlungen) und Kapitaleinkommen abzüglich Steuern und sonstiger
Abgaben. Die Nettoeinkommen aller Personen im Haushalt werden über
das ganze Jahr summiert. Mittlerer Lebensstandard: Das insgesamt
verfügbare Haushaltseinkommen wird durch die Summe der Äquivalenzgewichte
im Haushalt dividiert. Jede erwachsene Person wird mit dem Wert 0,5
und Kinder unter 14 Jahren mit 0,3 gewichtet. Zusätzlich wird ein Wert
von 0,5 für den Grundbedarf jedes Haushalts hinzugezählt. Ausgewiesen
wird der Medianwert. Die Hälfte der Haushalte hat einen geringeren
Lebensstandard. Armutsgefährdung: Alle Personen, deren
jährliches Haushaltseinkommen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle
liegt, gelten nach europäischer Definition als armutsgefährdet. Lt.
EU-SILC 2010 beträgt die Armutsgefährdungsschwelle für einen Einpersonenhaushalt
12.371 Euro pro Jahr (1.031 Euro pro Monat, zwölfmal). Die Gefährdungsschwelle
wird aus dem Medianeinkommen der Gesamtbevölkerung im Einkommenszeitraum
(2009) ermittelt und ist nicht inflationsbereinigt. Armutsgefährdungslücke: Maß für
die Intensität der Armutsgefährdung, definiert als Median der individuellen
Abweichungen der Äquivalenzeinkommen der Armutsgefährdeten von der
Armutsgefährdungsschwelle in Prozent dieser Schwelle.
Finanzielle Deprivation (nationale Definition): aus einer Liste
von sieben Merkmalen für einen absolut notwendigen Mindestlebensstandard
sind mindestens zwei nicht leistbar.
Manifeste Armut: Alle armutsgefährdeten Personen, die zusätzlich
finanziell depriviert sind. |
|---|
Rückfragen zum Thema beantworten in der Direktion
Bevölkerung, Statistik Austria:
Mag.a Ursula
Till-Tentschert, Tel.: +43 (1) 71128-7306 bzw. ursula.till-tentschert@statistik.gv.at
und
Mag.a Magdalena
Skina-Tabue, Tel.: +43 (1) 71128-8286 bzw. magdalena.skina@statistik.gv.at
| | Gesamtbevölkerung
in Privathaushalten (=100%)
in 1.000 | Armutsgefährdung |
|---|
| Gesamt | Manifeste
Armut |
|---|
|
in 1.000 | in % | in 1.000 | in % |
|---|
| Insgesamt | 8.283 | 1.004 | 12 | 511 | 6 |
|---|
| Haushalte
mit Pension | | | | | |
|---|
| Zusammen | 1.695 | 251 | 15 | 11 | 6 |
|---|
| Alleinlebende
Männer | 136 | 17 | 13 | 14 | (6) |
|---|
| Alleinlebende
Frauen | 419 | 111 | 26 | 14 | 13 |
|---|
| Mehrpersonenhaushalt | 1.141 | 123 | 11 | 9 | 4 |
|---|
| Haushalte
ohne Pension | | | | | |
|---|
| Zusammen | 6.588 | 753 | 11 | 10 | 6 |
|---|
| Alleinlebende
Männer | 416 | 81 | 19 | 10 | 10 |
|---|
| Alleinlebende
Frauen | 334 | 79 | 24 | 13 | 14 |
|---|
| Mehrpersonenhaushalt
ohne Kinder | 1.925 | 122 | 6 | 10 | 3 |
|---|
| Haushalte
mit Kindern | | | | | |
|---|
| Zusammen | 3.913 | 472 | 12 | 10 | 7 |
|---|
| Ein-Eltern-Haushalt | 292 | 83 | 28 | 18 | 19 |
|---|
| Mehrpersonenhaushalt
+ 1 Kind | 1.441 | 104 | 7 | 10 | 4 |
|---|
| Mehrpersonenhaushalt
+ 2 Kinder | 1.470 | 160 | 11 | 8 | 6 |
|---|
| Mehrpersonenhaushalt
+ mind. 3 Kinder | 710 | 126 | 18 | 12 | 8 |
|---|
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